Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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auf quälende Weise die Auswirkung gewisser erkenntnis-kritiseher Gedankengänge zu spüren bekam, wie sie durch Schopenhauer an mich herangebracht wurden. Anfangs nahm ich die Radizierung alles Seins und Geschehens auf das Wahrnehmen des Subjekts mit Begierde auf. Dann aber begann ich mir des subjektiven Anteils am Weltbild so weitgehend bewußt zu werden, daß meine geistige Situation auch hier ins Wanken geriet. Wenn alles Sinnfällige Tat des Ichs war; wenn überhaupt nichts andres ins Bewußtsein fiel, als was durch das Ich und seine Erkenntnisformen geprägt war; wenn es da außer diesem Ich nur noch das Ding an sich gab, das vor jedem Zugriff des Denkens weiter an die Grenzen des Denkraums zurückwich und schließlich darüber hinaus geriet, ins völlig Wesenlose, wo es so wenig zu dieser Welt gehörte wie ein erkalteter, unsichtbarer Stern — wo war dann noch echtes Entgegenstehen, echter Gegenstand und damit wahre Realität? Ich fühlte die Welt mit allen Wesen und Dingen, mit Haus und Bergen, Wolken und Sternen sich in mein Hirn zwängen, ein sperriger, ordnungsloser Wust, ein Kehricht von gespenstischen Sachen, der nicht einmal nach Zeit und Raum real, d. h. vom Ich unabhängig war. Die Folge war, daß ich völlig das Gefühl für das „Draußen" der Welt, zugleich aber auch das Gefühl für mein „Drinnen46 in ihr verlor. Draußen und Drinnen schwanden dahin, weil doch die ganze Erscheinung von mir „geschaffen" war. Alles war ,,Ich"\ Selbst der fernste Stern, sowie er in meine Wahrnehmung fiel, war sogleich v on „mir64 zu dem gemacht, was er war. Das Ding an sich stürzte in einen unerkennbaren Abgrund, die „Erscheinung" aber ward mir dafür ins Hirn geschoben und preßte Denken und Atern zusammen. Das Fernste hing dicht vor den Augen, weil es ja da erst „entstand"; ja, es drang hinter sie und entwertete das „Sehen44 zu einer leeren, gauklerischen Manipulation, die nichts irgendwie Wirkliches heranzubringen imstande war. Dies endete damit, daß alles, was vor den Sinnen stand, sich in eine wüste, kalte, zerfallende Wirrnis verwandelte. Stand ich vor einem Haus, so empfand ich mit zwingender Deutlichkeit die Möglichkeit, daß es sich im Nu zu einem farbigen Qualm verflüchtige. Ging ich zwischen zwei Türpfosten hindurch, so klopfte ich zweiflerisch mit dem Knöchel dawider, als ob sich dadurch ihre „Realität" erproben ließe. Zeitweise griff ich inmitten des leeren, schwindelnden Gefühls, das mich in dieser Lage befiel, zu dem Mittel, mir meine körperliche Existenz durch Hautreize 193