Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
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dem ,,Als-Obu dieser Erscheinung, von ihrem lediglich „illustrativen64 Wert verlor. Aber ich lernte damals doch begreifen, daß, wenn eine solche bildliche Empfindung das ganze Bewußtsein ausfüllt, das Eintreten der dazugehörigen Halluzination als eine Art Erlösung wirken könnte: sie gibt eine scheinbare Objektivierung und damit eine scheinbare Entlastung. Im Bild dieser Stichflamme also stellte die im Unbewußten phantasierende Bildkraft mir meine geistige Situation vor das innere Gesicht. Es knüpften sich daran Gefühle, die nur als Schuldgefühle bezeichnet werden können. Diese frevelhaft entzündete Flamme war zwar etwas Erlittenes, das mir ohne mein Zutun und sehr gegen meinen Willen widerfuhr. Aber auf der anderen Seite war sie unzweifelhaft „Sünde" und von mir begangene Schuld; im Ganzen also etwa eine erlittene Sünde, eine mir zugefallene Schuld, die mich aus der Reihe der Lebenden ausstieß und unter einen namenlosen Fluch stellte. Es war verboten, zu dieser frechen Helle zu erwachen. Das Leben erlaubte nicht, daß sich der kalte, böse Geist im Ich so vermessen über Schlaf und Dunkel der Welt erhob. Er beging damit ein metaphysisches Verbrechen; ein Verbrechen der Absonderung, des Abfalls, der Auflehnung. Sehr viel später erst lernte ich begreifen, wie außerordentlich zutreffend dieses Bild die Situation wiedergab, wie richtig diese gefühlsmäßige Ausdeutung angesetzt war. Anders in der Symbolik, doch ähnlich im Sinn war ein anderes Gebilde auf der Ebene dieser illustrativen Erlebnisse. Öfters vor dem Einschlafen überkam mich die Empfindung, in einen Wirbel geraten zu sein, der mich mit ungeheurer Zentrifugalgewalt aus dem warmen Bereich des Lebens hinauszuschleudern drohte. Mit irgendeinem körperlichen Zustand - man könnte an Schwindel denken - hatte diese Empfindung nicht das geringste zu tun. Sie war eine geistige Angelegenheit. Geistig trieb ich in einem Maelstrom, an dessen Rand das Nichts war. Das Leben umgab mich als ein warmer, brütender Globus; aber mitten in diesem ungeheuren Ball war ein Wirbel erwacht, der mich in ständigem Strudeln und Kreisen näher an die Peripherie trieb. Ich hatte keine Möglichkeit, mich zu halten. Das Einzige, das ich zu meiner Rettung tun konnte, war, daß ich mich unter der Bettdecke zusammenkrümmte, damit kein Teil meiner körper- Hchen Existenz aus dem Ball Leben und Wärme herausgerate. Das ging so fort, mit Angst und Schrecken, bis der Schlaf kam. Näher an einer sozusagen normalen Erlebensweise lag es, wenn ich 192