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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 69

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 69)
Language
German
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Ich sagte mir: Qual, die so sprechen kann, ist keine Qual. Wo noch Gestalt ist, da ist das Äußerste des Leidens nicht erreicht. In alten Opern erklingen manchmal Verzweiflungschöre in Tanztakten; ähnlich steht es um alles Leiden, dem die Sprache nicht erloschen ist. Erst wo der Mensch „in seiner Qual verstummt", d.h. im ernstesten Fall: wo die Grammatik durch jene Zerreibung des Ichs zerstört ist, hört mit der Sprache die Menschlichkeit auf und tritt das äußerste Leiden ein. Es ist buchstäblich immer „ein Gott", der dem Menschen die Fähigkeit gibt, zu sagen, was er duldet. Das heißt: wo die Sprache noch nicht erloschen ist, da hat der Mensch noch eine Fühlung mit Gott; da besteht noch eine letzte Beziehung zur rechten Ordnung und zum Sinn. Die Sprache hat alles Göttlich**, das je den Menschen erschien, in sich getrunken. Was Sprache gibt, ist immer Gott. Selbst wenn alle andre Offenbarung schwände, würde Gott immer noch in der Sprache wirken und aus ihr erkannt werden. Metzsche schrieb: „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, solange wir noch an die Grammatik glauben." Das ist sogar in einem sehr trockenen Sinne richtig: echte Gottlosigkeit ist nur um den Preis echter Ichlosigkeit zu haben, und auf das Ich wird gerade die Grammatik nie verzichten können, weil es das Urbild alles Subjekts und somit die Grundvoraussetzung jedes „Satzes" ist. Gott ist im selben Zuge Garant des Ichs und Spender der Sprache. Die Fackel; der Wirbel; der Zerfall Um dieselbe Zeit, da ich diese Art von koboldischer Ich-Besessenheit erfuhr, gab es andre, bildhaftere Erlebnisse, die vielleicht dazu dienen, die hier gegebene Lage weiterhin zu veranschaulichen. Ich ging die abendliche Dorfstraße hinunter. Ich empfand meinen Körper als eine dichte, undurchsichtige Dunkelheit bis zum Hals herauf. Der Körper war das „Fromme", das Schlafende und Ruhende. Vom Kopf jedoch hatte ich keinerlei materielle Empfindung. Statt seiner schoß aus dem Halsstumpf eine Art Stichflamme steil in die Höhe. Sie gab ein rotes, freches Licht; ein fremdes und böses Licht. Ich sah mich im Bild einer wandernden Fackel; nur daß die Flamme nicht ein weiches, wehendes Flackern war, sondern wild wie eine Gasflamme aus schwarzern Rohr her ausbrannte. Ich war, wie mir schien, nicht weit davon entfernt, die Häuser der Straße von dem Licht dieser Flamme beglänzt zu sehen. Es kam dazu nicht; wie ich denn überhaupt nicht das Bewußtsein von 191

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