Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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Tod ist und Tod wirkt, und ein Beblicktes, das Leben ist, aber von jenem Blick gewürzt wird; ein Ich, das die Macht hat, aber Tod ist, und ein Ich, das lebt, aber keine Macht hat. Dieses Beieinander ist es, was ich die Zersetzung des Ichs nenne, die Zerstörung von innen her, den Angriff vom Rücken, die Auslöschung der Sprache. Es bleibt bei der echten Beblickung schlechterdings nichts Seiendes übrig: bei äußerster Qual ein vollkommen bildloses, ja subjektloses Grauen; eine unbewohnte Höhle voll Pein, in der ein „Utis", ein Niemand gemartert wird. Es bleibt nicht einmal ein objektloses Ich übrig, denn noch diesem wäre in seiner furchtbaren Einsamkeit, wenn es sich unzerspalten erhielte, eine letzte Möglichkeit des Lebens gegeben. So aber zerreibt sich zwischen dem blickenden und dem bebliekten Ich, wie zwischen dem Mühlstein und dem Mahlgang, alles Seiende zu Staub. Das eine das angreifende Nichts; das andere das vernichtete Etwas; aktiver Tod und passiver Tod, plus Null und minus Null verbunden - das ergibt zusammen nur ein grenzenlos integriertes, vollkommen gesättigtes Nichts. Es ist die Aussetzung eines lebenden Geschöpfes in den luftleeren Raum. Die Auslöschung der Sprache In einem dieser Vernichtung angenäherten Zustand traf ich mit einem Zeichner zusammen, der als Darsteller der Fremdheit und des Grauens, des Maskenschreckens und der Zersetzung bekannt geworden war. Wir sahen seine letzten graphischen Blätter durch. Man sah da viele Gestalten des Schreckens, besonders von klaustrophobischer Art; man sah den Graus der Verwesung, das Zerbrechen und Verfaulen der Dinge, den Nachtmahr, den Mord, die grelle, gläserne Angst. Ohne Zweifel hatte derKünstler erlebt, was er schilderte; er hatte die dünne, eisige Luft des Grenzlandes geatmet. Aber obschon seine Schilderungen so echt waren, daß ich manche von ihnen nur eben mit dem Blick zu streifen wagte, befiel mich diesem Schicksalsgenossen gegenüber eine Art Neid. Denn er hatte wenigstens die Möglichkeit des Sprechens behalten. Sein Grauen hatte Gestalt bewahrt. Er wohnte nicht gleich mir in der bildlosen Leere. Ihm wucherte aus dem Dunkel Bild um Bild. Unerschöpflich strömend kam sein Sprechen daher. Ja, es war eine Art Uberschwang und Üppigkeit in diesem Quellen der Worte und Formen. Was sie aussprachen, war zwar Verneinung. Aber das Ausdrucksmittel dieser Verneinung war das Entgegengesetzte; es war höchst positiver und menschlicher Art. 190