Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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jekt aller möglichen Aussagen hinwegnimmt oder vielmehr in sich verwesen läßt. Die Lage des jungen Menschen, der von der inneren Beblickung befallen wird, ist gerade deshalb so kritisch, weil der Angriff von der einzigen Seite kommt, die er für ewig gesichert hielt, nämlich vom Rücken. Er hatte immer gehört und gelesen: Ich leide, ich sterbe, ich verzweifle. Das klang so, als ob auf der einen Seite ein Ich stehe, auf der andern ein Geschehen, das sich an diesem vollzieht. Dieses Geschehen mochte leidvoll, ja grauenhaft sein; aber es gab dabei doch immer das Ich, dem es widerfuhr. Was sich auch begeben mochte, es war immer etwas Menschenmögliches. Und da alle Menschenmöglichkeit mit der Möglichkeit der Sprache zusammenhängt, kann man sagen: dieses .,Ich verzweifle" oder „Ich sterbe46 ließ immer noch das Sprechen bestehen: die letzte Wohltat, die Gliederung in Subjekt und Prädikat, blieb erhalten. Der Angriff der Beblickung aber geht geradesw egs gegen das lebende Ich. Er geht gegen den Kern der Persönlichkeit. Im innersten Heiligtum der Persönlichkeit, tief hinter allem, was beblickt werden kann, tut sich der blickende Punkt auf, ein saugender, strudelnder Trichter, in dessen bodenlose Nacht zunächst alles Objekt und dann alles Lebendige am Subjekt hinabstürzt. Diesen Punkt, wo das aktive Nichts in unsre Welt einbricht, hat wahrscheinlich Goethe gemeint, als er von dem hohlen Fleck" im Gehirn sprach, wo sich keine Gegenstände mehr abzeichnen. Mereschkowski spricht in ,,Peter und Alexei" von der Sekte der Verneiner, die die Kirche, das Priestertum, die Gnade und die Sakramente leugnet, weil dies alles „in den Himmel zurückgenommen worden" sei. Er läßt im Anschluß daran den Gottsucher Tichon denken: „Es gibt keinen Gott, es gibt keine Welt. Alles ist zugrunde gegangen, alles ist zu Ende. Es gibt sogar kein Ende. Es gibt nur die Unendlichkeit des Nichtseins." An eine Aufhebung so radikaler Art ist auch hier zu denken. Gewiß ist auch jener blickende Punkt noch „Ich", ein Punkt Nacht und Nichts, der sich im innersten Heiligtum aufgetan hat und von da seine Befehle gibt. Wäre dieses Nichts nicht „Ich", so hätte es nicht die unzweideutige Autorität, die es entfaltet. Es ist „Ich", was blickt; und dieses Ich ist unzweifelhafter, aktiver Tod. Es ist gleichermaßen Ich, was beblickt wird; aber dieses Ich ist Leben. Schlaf, Geduld, Glauben, Fühlen, Denken, Sprechen, und es wird von jenem Blickenden bedroht oder ausgelöscht. Es finden sich also im Innern beisammen: ein Blickendes, das 189