Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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die eine große Erwachtheit aufzuspielen, an deren Gegenwehr alle lockenden Überredungskünste des Lebens abprallen. Sie sieht alles, was lebt, mit einer frechen, hochmütigen Verachtung an, gleich einem Nüchternen, der kalten Blickes das Taumeln und Glotzen eines Betrunkenen beobachtet. Sie steht in einer tückischen, schlaflosen Helle, sie sieht mit einem schamlosen Blick das Leben in den Menschen von Affekt zu Affekt, von Bild zu Bild sich weitertreiben, eine unaufhörliche Ubertölpelung, von einem bösen Geist an hirnlosen, gutmütigen Gimpeln verübt. Widerspenstig von Grund aus, weiß diese Bewußtheit das Leben so zu vergällen, daß das Blut stockt und das Hirn anhält. Ein böses Wissen, ein grausames Auge, bewaffnet mit einer Hand, die nicht zögert, allem Schlafenden an die Kehle zu fahren; Urgrund alles Hohns, Quelle aller Fremdgefühle und aktiven Teufeleien - so schwebt dieses Bewußtsein über dem Schlaf der Geschöpfe. Es verleumdet, ein wahrer Diabolos, das Leben als Schlaf und den Schlaf als Gefahr und Betrug. Das Leben, das von diesem Blick getroffen wird, stockt und zittert wie ein gestraftes Kind; es zittert vor Angst und Scham. Diese Bewußtheit ist der Blick schlechthin; der Schlangenblick, der das Opfer zum Erstarren verzaubert, der böse Blick, der aus einem Bereich jenseits des Lebens stammt und ein tätiges, fressendes Nichts auswirft; ein Nichts, das etwas ganz anderes und viel Schlimmeres ist als Tod oder eine Verführung zum Tod. Es ist die Zersetzung schlechthin, und vor allem die Zersetzung der Persönlichkeit. Zersetzung der Persönlichkeit Wenn hier davon gesprochen wurde, daß diese Bewußtheit das Frommsein und Glauben angreife; wenn sie als der böse Blick, als Urgrund alles Hohnes und aller Teufelei bezeichnet wurde: so ist dies nicht so zu deuten, als handle es sich hier um eine Erscheinung auf der Ebene von Gut und Böse, um einen Konflikt in Dingen des ethischen Wertes. Die Bewußtheit, von der hier die Rede ist, hat zunächst nichts mit einer sittlichen Fragestellung zu tun. Sondern sie greift das Sein schlechthin an; es sind Fragen des Seins oder Nichtseins, die hier aufgeworfen werden. Tod und Leben, Angst, Schreck, Grauen, Verzweiflung - sie alle sind letzten Endes doch auf ein existentes Ich bezogen. Sie ereignen sich an einem Wesen, von dem mindestens noch ausgesagt werden kann, daß es ist. Diese Bewußtheit aber zersetzt geradeswegs das Ich. Sie macht alles Geschehen und Aussagen zum Unsinn, weil sie das grammatische Sub- 188