Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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zuklammern. Er soll nicht verschwinden. Er soll stehen bleiben. Er soll das Einzige sein, was das Bewußtsein ausfüllt. Er soll niemals untergehen. Eher soll das ganze Leben um ihn her erstarren, die Welt versteinern, das Strömen einfrieren, als daß der Kobold dieses eine Bild, diesen einen Gedanken wieder fahren ließe. Auf jede der vorübereilenden Sekunden schwingt dieses Ich-Gefühl sich auf wie auf einen schnellfahrenden Wagen. Es soll den Ablauf der Zeit nicht geben. Er ist Betrug. Alles, was sich bewegt, ist Betrug. Alle Sekunden, die je waren und sein werden, zusammenraffen, abtöten und ewig festhalten, das ist der Ehrgeiz, der hier entsteht. Ein Ideal der bewegungslosen Starre errichtet sich, das sich mit Wildheit gegen jedes Geschehen sträubt. Diese Ich-Besessenheit benimmt sich, als habe sie niemals vom Begriff der Zeit gehört. Sie stammt aus einer Region, wo es kein Verändern gibt. Sie stammt geradeswegs aus dem Tod, ein ausdehnungsloser Punkt, ein aktives, ungeheuer lebendiges Nichts, das mit frenetischer Raserei allen sich drehenden Rädern in die Speichen fällt. Mit der gleichen Hartnäckigkeit wehrt sich der Kobold gegen den Raum. Er verwirft die räumliche Gebundenheit, die Fesselung an einen bestimmten Ort als eine unerträgliche, schmähliche Einengung. Er erhebt den Anspruch, an jedem nur denkbaren Orte gegenwärtig zu sein. Er weigert sich, ein Hier und Dort, ein Nah und Fern anzuerkennen. Ihm gehört jede Weite, er verbietet die Trennung der Räume. Er lebt in der wilden Gier, die uferlose Entfaltung der Dingwelt in sein Gesichtsfeld, und das heißt schließlich: in einen einzigen Punkt zusammenzupressen und tyrannisch zu beherrschen. Vor Zeit und Raum empfindet dieses Ich-Gefühl nicht etwa das Verlangen, sich mit ihnen auszudehnen, sondern genau umgekehrt: mit Grimm geht es darauf aus, alles in die Zeit oder in den Raum Gedehnte zusammenzuraffen und in seine eigene Enge einzuc? r> zwängen. Da mag es zugrunde gehen, wenn es nur unter seiner Faust bleibt. Diese Bewußtheit wehrt sich weiterhin gegen jedes Vertrauen, Glauben, Frommsein, gegen jede Fügsamkeit und jeden erdenklichen Gehorsam, sei es auch nur der Gehorsam gegenüber den animalischen Lebensgesetzen. Alles dies muß sie verwünschen: Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben! Und Fluch vor allem der Geduld! Sie hat eine unwiderstehliche sophistische Begabung, vermöge deren sie das Leben als Betrug, als metaphysische Düpierung hinzustellen weiß. Sie weiß sich als 187