Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 62)
- Language
- German
- Belongs to
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Auf der Feindschaft zwischen Bewußtsein und Leben beruht die wichtige Rolle des rechten „Vergessens". Wie die Nahrung, von der ein Mensch leben soll, dem Auge verschwinden und in den Kreislauf der Säfte gehen muß, so muß auch das, was uns geistig nähren soll, dem Bewußtsein entschwinden. Dem „Essen" im physischen Bereich entspricht das rechte „Vergessen" im geistigen. Vergessen heißt nicht Verlieren, sondern Aneignen. Vergessen heißt die Unschuld des eigenen Lebens, ja die Selbsteinfügung des Menschen in die wirkliche Welt herstellen. Der Fährmann in Tschuangtses gleichnamigem Gleichnis (von Martin Buber nacherzählt) lenkt sein Boot nur deshalb sicher über die Stromschnellen, weil er das Wasser um sich her „vergißt". Ebenso wird Khing, der Meister der Holzschnitzer, zur höchsten Kunstleistung dadurch fähig, daß er allen voraussichtlichen Lohn seiner Arbeit, allen Ruhm, schließlich den Fürsten, für den er arbeiten soll, vergißt. Erst das Vergessen, die Abbiendung des Bewußtseins, macht das schöpferische Leben in der Tiefe des Künstlerwesens frei. Aus extremen Affekten, die das normale Bewußtsein völlig verdrängen, z. B. bei Lebensgefahr, geht oft eine Handlungsweise von unübertrefflicher Zweckmäßigkeit hervor. Aber infolge des gleichen Sachverhalts, der hier obwaltet, kann der Buddhist sein großes Unternehmen ins Werk setzen, das ganze Leben durch Beblickung, durch ein äußerstes Nicht-Vergessen in Bewußtsein überzuführen und es als Leben abzutöten. Der Kampf gegen das Bewußtsein im Interesse des Lebens ist in der Geschichte der Menschheit oft durch den Rausch geführt worden. Man dämpft das Bewußtsein durch Gifte, die man trinkt oder einatmet. Man tanzt es tot, man schläfert es ein durch Musik, man betäubt es durch Trommel- und Paukenschlag. Gerade bei naturnahen, also vom Bewußtsein eben erst befallenen Völkern spielt der Rausch seine wichtigste Rolle, Das Lebenstörende des Bewußtseins wird hier offenbar besonders deutlich empfunden, und zwar als eine neue, eben erst eingetretene Veränderung. Man hat in diesen Frühzeiten noch eine deutliche Erinnerung an das Glück des vorigen, gebundeneren Zustands, und zugleich ist der Abstand von diesem Glück noch so gering, daß man hoffen kann, mit relativ einfachen Mitteln wieder zu ihm zurückzufinden. Der Rausch ist der Weg nach rückwärts. Er ist der Versuch, die verlorene Einheit des Lebens auf einer älteren Stufe wiederherzustellen. 184