Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 61

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 61)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2823768-2823775-2823778--0681-2824630
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Abbiendung des Bewußtseins wieder her. Ja, alle geistigen Funktionen, selbst solche, bei denen ein Wachsein des Bewußtseins geradezu gefordert wird, können durch eine äußerste Integration des Bewußtseins, die zu einer bestimmten Auswucherung der Ich-Empfindung und zu letzter Selbstkontrolle führt, lahmgelegt werden. Beblickung ist lebenlähmend. Jeder Blickhat eine Verwandtschaft zum „bösen Blick". Das Leben ist eine Schattenblume. In tausend Sagen, Mythen und Legenden, in tausend Erfahrungen und Maximen des täglichen Lebens steht das \ erbot des Blicks. Nicht nur der Selbstblick, sondern auch der Blick des Nebenmenschen bringt dem Leben Gefahr; denn er weckt leicht den Selbstbück auf. Wenige können es ertragen, daß man ihnen beim Schreiben über die Schulter sieht; denn am Aufmerken eines Zweiten entzündet sich die verderbliche Fackel in uns selbst. Manche Satzungen indischer und chinesischer Künstlergilden enthalten die strenge Vorschrift, daß der Künstler niemals in Gegenwart andrer Personen arbeiten dürfe. Im Leben unter Menschen gilt der Blick als Angriff, als „Injurie". Eine bestimmte Beziehung besteht zwischen dem Blick und dem Affektkreis der Scham. Auch ihr liegt wahrscheinlich zugrunde, daß der Blick, den ein Anderer auf uns wirft, den Selbstblick in uns entzündet und uns alles Gefährdete, Fragwürdige unsrer Existenz zu Bewußtsein bringt. Scham ist das Zugeständnis, daß in der Tat in uns nicht alles in Ordnung ist; und es ist durchaus nicht nur der böse Blick, der Scham hervorruft. Aber die Lebensstörung ist auch in der Scham gegeben. Wer sich schämt, schlägt die Augen nieder, d. h. er entzieht sich zunächst subjektiv dem fremden Blick, er lädt aber auch durch das Niederschlagen des eigenen Auges den fremden Blick ein, sich ebenfalls zu schließen oder abzuwenden. Das niedergeschlagene Auge ist also eine Maßnahme der Verteidigung und zugleich Versuch einer Suggestion. Auch das „In den Boden versinken wollen" vor Scham deutet auf das Bedürfnis, vor allem der Beblickung ein Ende zu machen. Schon in der einfachen „Verlegenheit", wie sie durch Blick erzeugt wird, finden deutliche Störungen der Lebensfunktionen statt; sie können zu auffälligen l nzweckmäßigkeiten des Handelns führen. Jeder Mensch bildet in seiner Lebenstechnik gewisse Hilfsmittel, oft nur Kunstgriffe aus, um sich gegen den Blick des Nebenmenschen zu verteidigen; alle diese Hilfsmittel und Kunstgriffe laufendarauf hinaus,durch ein,,Vergessendes fremden Blicks diel nschuld des eigenen Lebens, die reine Richtung auf das Objekt wiederherzustellen. 183

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.