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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 60)
Language
German
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Gemütes beruht: es spaltet sich der Ichpunkt von den Bewußtseinsinhalten, es löst sich ein Blickendes vom Beblickten ab. Aus einer vorher ununterschiedenen Einheit entfaltet sich eine dramatische Spannung. Es geschieht die Aufteilung eines infinitiven Seins in Subjekt und Objekt, in Sehen und Gesehen werden. Diese Entgegensetzung ist aber nicht nur eine psychologisch-grammatische Aufteilung, sondern auch eine echte Feindschaft nach der Formel des Entweder-Oder. Das Blickende feindet das Beblickte an. Es schließt es von sich aus. Das Blickende kann das Beblickte nicht dulden. Das Beblickte kann das Blickende nicht ertragen. Blick ist Angriff; Leben ist Blickabwehr. Man findet da auf dem Grunde eines psychologischen Gegensatzes unvermutet einen gleichsam mythischen Affekt das Hasses wirksam; eine Urform aller Zwietracht, die an Schärfe alles Erfahrbare übertrifft, weil sie gleichsam keinen Inhalt oder nur einen geisterhaften und ewigen Inhalt hat. Gewisse Erscheinungen dieser Zwietracht sind der Menschheit seit unvordenklichen Zeiten geläufig. Es gehören hierher alle Phänomene, die darauf schließen lassen, daß Bewußtsein und Leben in einem Austausch¬ und Ersatzverhältnis stehen; ein Verhältnis, das man auf die Formel bringen kann, daß gestörtes Leben in Bewußtsein übergeht, wogegen Bewußtseinshemmungen dem Leben zugute kommen. Gewiß ist auch dies noch eine „Bezogenheit" des einen auf das andere; aber eine Bezogenheit durch Feindschaft; eine Feindschaft so scharfer Art, daß der eine Beziehungsteil ohne weiteres als Negation des andern angesprochen werden kann. Von dem Gegensatzpaar Bewußtsein-Leben gilt im vollen Ernste der heraklitische Satz, daß die Partner wechselseitig den Tod des Anderen leben, das Leben des Anderen sterben. Lebenslähmung durch Blick; Vergessen; Rausch Das Bewußtsein hat eine Fähigkeit, durch aktives Auftreten das Leben zu stören und selbst zu lähmen. Dem alltäglichen Leben gehört die Erfahrung, daß Bewegungsfolgen, die wir durch berufliche oder sportliche Übung vollkommen beherrschen gelernt haben, durch Dazwischentreten des Bewußtseins dem Körpergedächtnis für eine ganze Weile entfremdet werden können. Dasselbe ereignet sich bei gewissen geistigen Funktionen. Sobald sich in eine reproduzierende Gedächtnisleistung das Bewußtsein mischt, verwirrt sich der Ablauf und stellt sich erst nach 182

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