Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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WILHELM MICHEL DER BLICK Erhaltendes und zerstörendes Bewußtsein Es gibt zwei völlig verschiedene Arten des Bewußtseins; besser vielleicht: der Bewußtheit. Die eine ist diejenige, bei der der Geist des Menschen in großem Betrachten auf allem Leben, dem eigenen wie dem fremden, verweilt und alles Lebende versteht und bejaht. Vor diesem Bewußtsein werden die Dinge durchscheinend. Das Blinde erleuchtet sich von innen her. Die Kräfte zeigen ihren Sinn und wirken in hoher Ordnung zusammen. Unzweifelhaft ist dieses Bewußtsein ein Wachsein; aber ein Wachsein von erhaltender, liebender Art. Es ist ein Blicken; aber ein verstehendes und bestätigendes Blicken. Wir sind in ihm des eigenen Lebens so unmittelbar gewiß wie des der benachbarten Geschöpfe. Es ist der Augenblick einer weitausgreifenden V ersöhnung und einer durchdringenden Erkenntnis, in der wir alles Seiende begreifen und billigen. Es geschieht ein uneingeschränktes Jasagen zu jeder „Weise" jedes Geschöpfs; vor allem auch zur Ordnung des Ganzen, die nicht nur die wechselseitige Liebe, sondern auch die notgedrungene Feindschaft zwischen den Kreaturen in sich schließt. Es ist ein begeistertes Durchschauen der Welt, in dem sich alle Vereinzelung und alles Zusammenneigen r* c zum Bilde eines echten Kosmos reinigt und erhöht. Kein Zweifel, daß in diesem Bewußtsein ein wahres Blicken und ein wahres ,,Wissen*" ist. Ein Anschauen, welches Gewißheit liefert, liegt vor, und diese Gewißheit ist ein Wissen um Welt und Leben; vor allem auch um die eigene Wirklichkeit. Diesem Bewußtsein steht ein anderes gegenüber. Es ist ebenfalls ein D D Wachsein. Aber es legt auf das Leben einen kalten, bösen Blick. Es ist ihm mit Urfeindschaft entgegengesetzt. An dieses böse Wachsein wird in erster Linie gedacht, wenn von Bewußtsein schlechthin die Rede ist. Das Bewußtsein der ersten Art ist ein W issen des Menschengeistes um das Ganze. Dieses Bewußtsein ist ein Wissen des Geistes um sich selbst, ein W issen des abgetrennten, „abgefallenen"" Ichs um das Ich. Das Bewußtsein dieser Art ist gewiß kein ruhender, sich gleichbleibender Zustand. Sein zehrendes Blicken kann sich trüben; es kann hypertrophisch auswuchern und sich zu lebensgefährlicher Schärfung integrieren. Immer aber erweist sich, daß es auf einer Spaltung innerhalb des 181