Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0675-2824624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
samkeit geworden. Die in sich selbst ruhende Persönlichkeit des Berufsträgers hatte die Kraft zur Einsamkeit gehabt. Das Massenwesen des Arbeitsmenschen braucht nicht die Gemeinschaft, um in ihr unterzugehen, sondern um aus ihr auch wieder die Kraft zu einsamen und selbständigen seelischem Dasein sich neu schenken zu lassen. Der Berufsträger alter Art ist geistig auch so kräftig, daß er von niemandem Belehrung braucht über den Sinn seines Tuns. Aber der heutige Arbeitsmensch braucht Gemeinschaft, seelische Beheimatung, nicht etwa nur, um außerhalb der Arbeit Mensch zu bleiben, sondern für seine Arbeit, um seine Arbeit mit neuer Kraft und Gewalt wieder tun zu können. Der Knecht in uns (mit diesem Ausdruck kann man das Wort Proletarier ersetzen), das Animale in uns, das lebende Wesen, aber noch ohne Geist, das kann nicht erlöst werden, in dem Sinne, wie die einzelne, geistig gebildete Persönlichkeit. Ich muß hier vielmehr sagen, daß alle Bedürfnisse des täglichen Lebens, vom Stiefelputzer angefangen, daß all die Dienstbarkeit, die der Leib verlangt, niemals zu einer Freiheit des Gewissens führen kann. Denn die Arbeit muß schlicht getan werden; d. h. die ganze Idee der sozialistischen Arbeiterbewegung, der Arbeiter könne mit seiner Arbeit, auch mit Bezug auf seine dienende Verrichtung, ein freier Bürger werden, ist abwegig. Die einzelne Arbeit muß unbedingt getan werden; sie wird gebraucht im gesellschaftlichen Leben. Zum Bürger und Christenmenschen Luthers gehört aber dieses Unternehmergefühl: ich kann's tun oder ich kann's lassen. Der Knecht in mir kann also nicht Bürger werden. Die Kreatur in mir kann nur zur Kindschaft im Hause, zur Gliedschaft entfaltet werden. Glied im Produktionsprozeß, darauf kommt es an. Als Glied will sich der Arbeiter behandelt wissen; das ist ein Verzicht auf das Reich der Freiheit, auf Autonomie, aber es ist mehr als Knechtschaft. Wir brauchen nur zu denken an die theologische Stellung des Kindes im Hause, das auch dient, das keine eigene Verfügung hat, seine Tätigkeit von Vater und Mutter angewiesen bekommt, das aber keinen Augenblick das Gefühl hat, ein Knecht zu sein, sondern ein Kind. So ist der Mensch heute etwas ganz anderes wie in der lutherischen Predigt. Er ist ein Knecht, der Kind werden soll. Im Gegensatz zur lutherischen Predigt, wo er ein Mann ist, der Hausvater werden soll, verantwortlich werden soll. Da sind ganz andere Kräfte in uns Menschen, die heute erlöst, entbunden werden müssen. Ochs und Esel sind uns plötzlich 177