Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0674-2824623- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tun, können wir Freud und Leid voneinander würdigen. Man konnte genau beurteilen, wie der andere ist. Heute - und bei uns Juristen ist es ja noch relativ harmlos - aber es ist doch schon so, daß jeder heute eine andere Vorbildung hat, auch in derselben Fakultät. Auch bei der theologischen Fakultät ist es so. Da sind die Historiker, die Philologen, die Alttestamentler, die praktischen Theologen. Der Bildungsgang fängt an, sich mehr und mehr zu differenzieren. Da hört die Kollegialität auf. Spezialist bedeutet: daß aus dem Berufsgebiet ein Arbeitsgebiet wird und wo eine bloße Funktion, ein bloßes Arbeitsgebiet da ist, da hört die Kollegialität auf, und damit fällt die Heimat für die gebildeten Stände weg. Örtlich mit der Heimat im Raum ist es genau so. Auch auf dem Land nimmt die Heimatlosigkeit erschreckend zu. Die Leute haben keine Heimat mehr. Ein Rittergutsbesitzer sagte mir neulich spontan, daß bei ihm seine Leute keine Heimat mehr haben. Und wenn solch ein Mann das ausspricht, so muß man trauen. Er meinte, das würde noch schnell zunehmen. Wir brauchen also für die Seele eine Heimat, da sie geistig durch den Beruf und körperlich durch den Boden nicht mehr gegeben wird. Die Heimat kann nicht mehr verlagert werden in die geistige Kollegialität der gleichartigen Berufstätigkeit, aber auch nicht mehr erwartet werden einfach von der Landschaft, vom Boden, vom Dorf. Ohne Heimat aber kann der Mensch nicht existieren. Seine Kräfte entfalten sich nicht. Für den modernen Betrieb gibt es diese Heimat nicht einmal als Frage. Sie kann nur in der seelischen Gemeinschaft immer wiederhergestellt werden. Damit ist die ganze Bedeutung der Freizeiten gegeben, der ganzen Heimbewegung, der Volkshochschule. Freizeiten sollen die Heimat ersetzen, die der Mensch sich erst schaffen muß. Er muß die zerstörte, körperlich räumliche und geistige Heimat ersetzen durch die seelische Heimat. Deswegen bin ich so gegen Freizeiten, wo man keine freie Zeit hat. Die seelische Beheimatung verlangt noch etwas ganz anderes als Vorträge. Es handelt sich um Aufschließung der seelischen Kräfte. Daher der Begriff der Gemeinschaft, der heut in aller Munde ist, weil hier die seelische Heimat des Arbeitstiers Mensch geschaffen werden muß, eine Heimat, die den bloßen Funktionär beseelt und adelt. Der Einzelne ist als arbeitender Mensch zu schwach, um sich geistig den Sinn seiner Arbeit selbst zu holen. Er ist auch zu schwach zur Ein- 176