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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 47

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 47)
Language
German
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Wenn einer Schnaps fabriziert, Gummiartikel und ähnliches, so sagt mir solch ein Theologe: das ginge den Arbeiter nichts an. Er habe nur für seine Familie zu sorgen. Dadurch bringt man aber den Menschen völlig um seine Würde, um sein Urteil, seinen Verstand. Man sieht, wozu all die theologische Uberbildung führen kann, die gewisse neue Tatbestände nicht mit aufgenommen hat, sondern für ganz andere Tatbestände die alte Formulierung durchhält. Seitdem der Beruf kein freies eigenes Gebiet mehr ist, weil die einheitliche Wirtschaft uns knechtet und uns zum Gesetz geworden ist, genügt es nicht bloß, daß man im „Beruf"4 seine Pflicht tut. Man muß auch Glied in einer vernünftigen Ordnung der Dinge sein wollen und können, weil nur noch alle zusammen einen Beruf haben. Was bleibt da von jener lutherischen Tafel auf der rechten Seite, d. h. auf der Seite der Sittlichkeit und Freiheit übrig? Das sittliche Handeln im Beruf ist nicht mehr möglich, weil der Beruf durch die Eigengesetzlichkeit der neuen Obrigkeit (Wirtschaft) zerstört ist. Es bleibt auf dieser Seite nur noch die Begleiterscheinung dieser alten Sittlichkeitssphäre: die Gedankenfreiheit. Denn es ist leicht verständlich, daß das, was wir heute Weltanschauung nennen, jenes Reich der Gedanken, Träume und Denksysteme dem Einzelnen nur als Krone seiner sittlichen Handlungsfreiheit zugebilligt wurde. Wenn jetzt die sittliche Handlungsfreiheit zerstört wird, so bleibt nur jene Krone der weltanschaulichen Freiheit übrig. Das aber ist doch ein wurzelloses, in sich wertloses Luftgebäude. Es ist aber dies der Zustand, den wir heute bei den Menschen sehen. Wer die Berufs Wirksamkeit nicht mehr hat, der zeigt das in der Art seiner Gedankenfreiheit: alle möglichen phantastischen Vorstellungen gestattet er sich. Denn keine Nachprüfbarkeit, keine Bewährung in der Wirklichkeit ist ihm auferlegt, sondern nur Gedanken hat er übrig, die nicht bloß zollfrei sind, sondern auch billig und wertlos. Diese Gedankenüberfütterung, die wir in Deutschland haben, ist so lebensgefährlich, weil die Leute das dauernd ertragen müssen, ohne daß der Stoffwechsel zwischen Denkfreiheit und sittücher Freiheit in Gang kommt. Deswegen gilt der Lehre, die trotzdem die alte Tafel erhalten möchte, meine unversöhnliche Feindschaft. Sie ist eine logische Vermessenheit. Weil sie scheinbar alles weiß, sich aber die Mühe spart, in das umgestürzte Chaos der eigenen Zeit hineinzublicken und die Begriffe von dort her zu ergreifen. Sie führt das vor 400 Jahren Gedachte 169

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