Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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sagt man heute mit Recht. Höchstens müßte man daran das Wort „Lebensgestaltung46 durch Totengestaltung ersetzen. Wir wollen nicht auf die Tafel der Werte näher eingehen, die in dieser Arbeitskunde beschlossen hegt. Denn dringender ist es, die Kirchenlehre aus der Verzauberung zu befreien, mit der sie heut noch auf die lutherische Tafel der Werte blickt. Diese alte Tafel brauchte weder mit der Möglichkeit, geschweige denn mit demDasein von Arbeitswissenschaft zu rechnen. Deshalb wird sie heut ungültig. Oder genauer: sie wird unverständlich und unverbindlich, da sie zu ihrer Zeit die Mächte des modernen Geistes weder zu binden noch zu verstehen hatte. Die Kriegserklärung des Protestantismus Luthers ,,Von der Freiheit eines Christenmenschen66 enthält diese Tafel der Werte. Der Calvinismus, der Pietismus, der Idealismus haben an dieser Tafel weiter gearbeitet, aber die beiden Rubriken, unter die das Leben aufgeteilt wird, sind durch alle diese Ismen dieselben geblieben. Sehen wir uns diese Rubriken genauer an. Da finden wir den Christenmenschen in zwei Welten an, in der Welt der Untertanschaft und der Welt der evangelischen Freiheit. Diese beiden Welten entfalten sich immer völliger im Laufe der Neuzeit und sie umspannen als Außen und Innen, Gesetzesraum und Freiheitsraum, unser ganzes Sein und Werden. Da ist zunächst das Gebiet der Freiheit. Der Raum, in dem der Einzelne zu den wirtschaftlich Freien entlassen wird, ist sein Beruf. Darüber ist kein Streit; das ist die gemeinsame Basis. In seinem Beruf ist der Mensch frei. In dieser Ordnung der Dinge, wie sie seit 400 Jahren ist, ist also noch kein Platz für die Arbeit in dem Sinne, in dem sie uns alle plagt und hinzumorden droht. Der Beruf ist der Freiheitsraum des Christenmenschen, der außer Frage steht in der evangelischen Kirche. Nun ist dieser Beruf eingebettet in das Wirtschaftsleben. Die Wirtschaft ist Wirtschaft von Einzelindividuen. Diese Wirtschaft der Individuen wird von den Berufstätigen getragen; dabei ist die Voraussetzung: hoffentlich sind diese Berufstätigen Christen, hoffentlich sind sie gewissenhaft und treu und dadurch nützliche taugliche Glieder der Gesellschaft. Aus der Tätigkeit dieser Individuen ersteht der Bereich von Reichtum und Armut. Denn der wirtschaftliche Erfolg ist verschieden, zu dein der Beruf führt. Die Folge ist: reich und arm, hoch und niedrig, gebildet und ungebildet. Der Gegensatz zwischen gebildet und ungebildet ist vielleicht noch wichtiger als der zwischen reich und arm. Das alles ist unstrit- 161