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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 37)
Language
German
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Dies ist allerdings bis vor kurzem so gewesen. Noch im 19. Jahrhundert, noch innerhalb des Sozialismus selbst, gibt es keine theoretische, geistige Aufhellung der Arbeit an sich, in ihrer reinen Tatsächlichkeit. Deshalb schien es genug, die arbeitenden Menschen anzupredigen mit dem Hohen Lied der Arbeit, das die Bibel anzustimmen scheint: „Des Menschen Leben, wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen/4 Diese hier und da aufbrechenden Klänge der Bibel hatte aber die Theologieneuzeit zu einem Evangelium der Arbeit gesteigert und ausgebaut. Nur zwei Beispiele. Der Gründer Herrnhuts, Zinzendorf, hat aussprechen können: Wir leben, um zu arbeiten. Und noch in einem verbreiteten Lehrbuch der Volkswirtschaft des Jahrs 1927 spiegelt der erste Satz diesen „Geist des Protestantismus": „Der Mensch muß gewisse Bedürfnisse . . . befriedigen, um leben und arbeiten zu können." Wer merkt diesem Satz an, daß er auf dem Kopf steht? Die Arbeit ist in dieser säkularisierten Theologie genau wie in ihrem lutherischen Vorbild nicht mehr unser mühevolles Ringen, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen, sondern arbeiten zu können ist das letzte Bedürfnis! Nun gehen die Massen längst schon immer weniger in diese Kirchenlehre. Sie bleiben weg. Aber seit kurzem ist noch mehr geschehen: die Kirchenlehre hat ihr Monopol verloren. Sie, die in Sachen der Arbeit von keiner Philosophie etwas zu fürchten hatte, weil die Philosophie die Weltanschauung des Menschen der Muße ist, hat eine Konkurrentin erhalten. Die geistliche Predigt über die Arbeit wird durch eine geistige Kunde von der Arbeit in die Enge getrieben. Die moderne Arbeits Wissenschaft tritt auf den Plan. Und sie ist keine vorübergehende Erscheinung. Sie ist die im Keim unserer Wirtschaft angelegte Vollendung des Systems. Denn unter den Naturkräften, die der Mensch in seinen Dienst stellt - wie die Wendung lautet - befindet sich auch die Arbeitskraft. Schon in dieser Wendung ist aber beschlossen, daß die Arbeit verwissenschaftlicht werden muß. Das wird nur verschleiert durch die gedankenlose Art, in der wir den Ausdruck „der Mensch'4 in solcher Wendung zu vernehmen pflegen. Dieser Ausdruck „der Mensch" ist nämlich die Hülle für die durch allgemeingültige Urteile zu einem einzigen Subjekt, zum transzendentalen Ich, eben zu „dem" Menschen verschmolzene Menschheit. Früher hieß es: Ein Herr hat einen Knecht; ein Bauer pflügt mit Pferden. Aber „der Mensch", der Naturkräfte in seinen 159

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