Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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trägt nicht nur die Wahrheit, sondern er fordert sie und wird durch sie gestärkt. Hier aber fürchtet man sich, die Dinge beim Namen zu nennen, um nicht den Fußbreit Boden, auf den man sich gerettet hat, zu gefährden. Die „Erneuerer der Welt" gleichen eher den ängstlichen Wächtern eines Pulverturms. Und die Formeln des neuen Idealismus internationaler Solidarität, der bisher durch kein Opfer seine Echtheit erwiesen hat, und der doppelt gefährdet ist dadurch, daß die Interessenpolitik ihn bereitwilligst gefeiert und in ihren Dienst genommen hat, waren verbraucht, ehe sie noch recht begriffen waren. Die Konjunktur wird noch eine Weile vorhalten. Organisationen internationaler Zusammenarbeit, aus der heutigen Lage geboren, werden ihr Recht und ihre praktische Bedeutung behalten. Aber die „neue Erde, in welcher Gerechtigkeit wohnt", wird kein Sehender mehr von diesen Bestrebungen erhoffen. Einem historisch notwendigen Gedanken scheint es hier versagt, zu seiner Reife und vollen Auswirkung zu kommen. Daran kranken wir, ganz gleich, wie wir zu ihm stehen. Von der internationalen Verständigung nach dem Weltkrieg sprechen heißt von einer der großen Desillusionen dieser Zeit reden. Und Desillusionen sind gefährliche Aderlässe. Unter dem Eindruck dieser Ernüchterung erhält eine gegenläufige Bewegung doppelte Bedeutung. Vor der Bedrohung durch eine verödende Standardisierung rüsten die besten Kräfte Europas gegen eine zivilisatorische Vereinheitlichung der Welt, wird die - auch nationale - Besonderung in erhöhtem Maß als Wert empfunden und vertreten. Damit aber gerät der Relativismus, die prinzipielle Gleichbewertung der Völkerpersönlichkeiten, welche Voraussetzung der Verständigungsbewegung ist, ins Wanken. Denn das gesunde Selbstbewußtsein eines Volkes ist nie „gerecht44. Es ist immer geneigt, sich zu überschätzen, den anderen karikiert zu sehen und nicht in dem Besten seines Wesens, das selten an der Oberfläche liegt, zu begreifen. Aber ist die heute wie eine Selbstverständlichkeit gestellte Forderung des Gerechtwerdens nicht eine der typischen Uberforderungen, die ein der Grenzen des Volksbewußtseins unkundiger Intellektualismus zu stellen liebt? Liegt darin nicht die Gefahr einer Relativierung der nationalen Werte, der nur ein durchgebildeter Geist gewachsen ist? Hat ein Volk wirklich so unrecht, wenn es sich eine Berufung, eine Mission in der Welt zuerkennt, und liegt nicht vielleicht gerade in 154