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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 31)
Language
German
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inneren Menschen: daß in einer entscheidenden Stunde der Umlagerung des politischen und gesellschaftlichen Lebens und Erlebens wir zwar vor einer Zersetzung alter Formen und Uberzeugungen stehen, aber kein neuer Glaube unsere besten Kräfte weckt und in seinen Dienst nimmt. Man versteht sich trefflich darauf, die Vorzeichen der Überzeugungen zu wechseln, und es soll nicht geleugnet werden, daß die neuen oft wahrer und menschlicher sind als die vorigen. Aber neue Götter schafft man so nicht. Die innere Müdigkeit des heute auf der Höhe des Lebens stehenden Mannes, der sich bei seinem Mangel an inneren Reserven nur aufrecht erhält durch die Arbeit des Tages; der gedankenlose \ italismus eines großen Teils der Jugend — was beweist das anderes, als daß wir ohne geistige Ziele sind, oder die geistigen Ziele, die wir uns aufrichten - wie das der Weltversöhnung und -Verständigung nur halben Herzens erfassen? Der Nationalismus, wenngleich durchlöchert, int auch heute noch Träger und Erzeuger moralischer Kräfte. Die internationale Verständigung und Zusammenarbeit ist eine sittlich wertvolle Bemühung, aber sie zeigt nichts von der Gestaltungskraft einer zur Herrschaft berufenen sittlichen Idee. Keine übergeordnete Einheit, weder „Europa" noch der Völkerbund noch die Gemeinschaft aller, die den Namen ..Mensch** tragen, haben eine Macht über die Vorstellungen der Völker wie des Einzelnen, welche sie befähigen könnte, die Rolle des Nationalismus zu übernehmen. Aus Bedürfnis, aus einem Vakuum allein entstehen keine neuen Kräfte zur Weltgestaltung. Darin, daß die Unerbittlichkeit dieser Tatsache nicht in ihrer Tiefe erfaßt wird, daß man nicht den Mut hat, den Fragen der Zeit ins Auge zu sehen auf die Gefahr hin, keine Antwort zu haben, liegt das Utopische der heutigen weltpolitischen Fortschrittsideologien begründet. Die Diagnose ist wohl richtig. Aber die Heilung läßt sich nicht erdenken und nicht erzwingen,und auch an die Völker stellt die Geschichte bisweilen den Anspruch, das Schicksal an sich arbeiten zu lassen, ohne in logisch bestechenden Scheinlösungen ihr Heil zu suchen, die der Wesenhaftigkeit ermangeln, und die in dem Grade weiter an Bedeutung verlieren müssen, als uns der Weltkrieg nicht mehr im Nacken sitzt. Man konnte nicht umhin, eine überdeutliche Lektion der Geschichte zu begreifen. Aber daß man dabei nicht einen neuen Glauben sondern nur neue Formeln gefunden hat, zeigt sich am sichersten daran, mit welchem Grad offenbarer Lüge diese schon im Keim belastet sind. Der Glaube er- 153

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