Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0650-2824599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
zum Verhängnis geworden. Nach dem Krieg warf sich als erster ein antinationaler Internationalismus zu seinem Wortführer auf, der im allgemeinen die Ehrlichkeit, aber auch die Blindheit und Hemmungslosigkeit des utopischen Fanatismus hatte und sich und seine Sache bis zur Unerträglichkeit bloßstellte. Tödlicher aber noch war die Gunst der Mächtigen, als der Verständigungsgedanke Konjunktur wurde und die Realpolitik sich seiner bemächtigte. Die geistige Bewegung zur Inthronisierung eines internationalen Prinzips im Leben der Völker wurde Mode, sie fiel in die Hände der Ehrgeizigen und wurde einer Sintflut von Kongressen und Diners ausgesetzt, die es in kürzester Zeit dahinbrachte, daß es einem empfindlicheren Geschmack kaum noch möglich ist, über internationale Verständigung zu reden, so sehr ist alles, was sich darüber sagen läßt, Phrase geworden. Nicht Schlagwort, das die Vielen befeuert und durch tausendfache Wiederholung nichts verlieren kann, sondern Schall und Rauch, peinlich unwirkliche Geste, und damit Unwahrheit. Der Haß der Kriegszeit war aus echterem Metall. Alles dies aber - Utopie und Konjunktur, Lüge und Treulosigkeit — hätte die idealistische Bewegung, die ein Hinauswachsen über den Nationalismus forderte, ertragen und überleben können - das Christentum hat anderes zu ertragen gewußt-wenn sie Glaubensqualität besessen hätte. Diese aber fehlte ihr — und mußte ihr fehlen. Zu sichtbar stand ihr die Tatsache entgegen, daß die Nation nach wie vor unsere Wirklichkeit bleibt, in die wir gebannt sind, die uns Leib und Seele zusammenhält, und neben der allen übernationalen Gebilden, auf die man auch nur einen Teil der nationalen Funktionen überleiten möchte, etwas Chimärisches anhaftet*). Ein Glaube aber, der keine unbedingte Formulierung erträgt - also hier die utopische Formulierung des pazifistischen Internationalismus -, ist nicht denkbar. Diese aber kann sich trotz der Anziehungskraft, die ihre Forderungen ewigen Friedens und einer Verwirklichung irdischer Gerechtigkeit für edle Naturen haben, an Wirklichkeitsgehalt selbst nicht mit dem kriegsbeschädigten Nationalismus messen. Aus alledem folgt die vielleicht tiefste Gefahr der heutigen Lage für den *) Es bedarf keines Worte, daß rein organisatorisch zu lösende Aufgaben von übernationalen Stellen übernommen werden können, wie dies ja auch z. B. durch den Völkerbund geschieht. Daß dessen Wirksamkeit umso behinderter und problematischer ist, je mehr es sich dabei um Fragen handelt, welche die nationalpolitischen Interessen seiner mächtigeren Mitglieder berühren, beweist, daß von einer Überwindung des Nationalismus hier in keiner Weise die Rede ist. 152