Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0649-2824598- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nomischen und geistigen Lebens der Völker durch die Trennung in feindliche Lager und in der Sorge vor einer Wiederholung kriegerischer Auseinandersetzung hat man begonnen, sich aus einem Gemisch von Reue, Angst, politischer Berechnung und Idealismus heraus auf die Lebensgemeinschaft der Völker des Erdballs zu besinnen. Man greift hinaus über die Grenzen, um die so viel Blut geflossen ist, und sucht die Gegensätze nationaler Interessen über dem Bewußtwerden einer höheren Einheit in Vergessenheit zu bringen. Man appelliert vom Staat an die Menschheit, vom Patrioten an den Weltbürger, ja man hat den Mut der Verzweiflung, zu fordern, daß mindestens die ersten Schritte zur Verwirklichung €les Tausendjährigen Reichs auf das politische Tagesprogramm gesetzt werden. Es steckt hinter solchen Zielen, und das gibt ihnen ihre Vt eihe, ein tiefes Sehnen nach der Erlösung vom ,,Leibe dieses Todes *. In den vorn Kriege getroffenen Völkern beginnt man die nationale Leibliehkeit als Last, ja fast als sündige Last zu empfinden. Man gewinnt auf der staatlichen Ebene ein beinahe christliches Verhältnis zur Körperlichkeit, das man für den Einzelnen ablehnt. Aber indem man sich nun ans Werk macht, die Fesseln eines blinden Nationalismus, die man sich gestern noch mit allen Mitteln geschmiedet hat, wieder zu lockern, stößt man auf unerw artete Hemmungen. Dreierlei vor allem scheint sich der Entwicklung eines übernationalen Denkens entgegenzusetzen. Zunächst ein Gefühl des Anstandes, das sich gegen Gesinnungsequilibristik sträubt. Sind es doch die Energien vielfach derselben Persönlichkeiten, die gestern darauf verwendet wurden, die eingeborene Niedertracht des anderen zu beweisen, und die sich heute dafür einsetzen, ihn brüderlich zu verstehen, ihm ,gerecht* zu werden. Nie ist den Seelen einer Generation so viel Entgegengesetztes zugemutet worden, eine fast unerträgliche Anforderung an die Echtheit unseres Empfindens und das Vertrauen in die eigene Uberzeugung und die der .„Führer*". Dagegen wehren sich, so haß-müde sie sein mögen, oft gerade die Besten, und so tritt an die Stelle des Vorurteils leicht eine Indifferenz Seite an Seite mit einem Verständigungsbetrieb der Wandelbareren, der durch große Worte um nichts wirklicher wird. Zum zweiten aber sind dem neuen politischen Idealismus seine Träger 131