Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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WERNER PICHT INTERNATIONALE VERSTÄNDIGUNG Internationale Verständigung, vor dem Krieg das Panier einer kleinen Schar fortschrittlicher Geister und offiziell mehr geduldet als gefördert, ist heute Schlagwort der großen Politik wie ungezählter privater Bemühungen geworden. Eine Auseinandersetzung mit dieser Frage, die in mannigfaltigster Form an jeden unter uns herantritt, ist unausweichlich. Dreimal zu intensiver Beschäftigung mit fremdem Volkstum (England, Vereinigte Staaten, Frankreich) genötigt, habe ich ihr Gewicht und ihre Schwierigkeiten besonders nachdrücklich am eigenen Leibe erfahren. Im folgenden soll der Versuch gemacht werden, aus der praktischen Arbeit an internationaler geistiger Zusammenarbeit heraus, deren Beurteilung gemeinhin allzu sehr nach dem Schema der Parteilehren erfolgt, einer unvoreingenommenen Betrachtung zu unterziehen. Ihr Ursprung ist deutlich, wenn auch keineswegs einheitlich. Nachdem das letzte halbe Jahrtausend einen zunehmenden Zerfall der mittelalterlichen Einheitskultur in nationale Besonderheiten gebracht hatte, entwickelte das 19. Jahrhundert mit dem Vordringen der Demokratie den Nationalismus*) zu dem beherrschenden Prinzip des politischen Lebens, das um so mehr Kräfte auf sich vereinigt, als solche anderen Lebensverbänden verloren gehen. In erster Linie ist hier an die zunehmende innere Lösung weiter Schichten von der Kirche zu denken, die einzig noch als Zeugin und Bewahrerin des mittelalterlichen Universalismus in unsere Tage hineinragt und, im Gegensatz zum Staate Raum und Zeit nicht Untertan, gleicherweise als Hüterin göttlicher Ordnung wie irdischer Weisheit der Überbewertung eines Lebensbezirks entgegenwirkt. Aber auch die Lockerung der Verwurzelung in Stand, Heimat, Familie steht zu der Stärkung des Nationalismus in unmittelbarer Beziehung. Die heimatlos gewordenen Seelenkräfte suchen einen neuen Nährboden und finden ihn in der Hingabe an den Nationalstaat. Es ist bekannt, daß •) In Deutschland wird die Verwandtschaft von Demokratie und Nationalismus heute noch vielfach verkannt, weil die Demokratisierung zu einer Zeit durchgeführt wurde, als infolge des verlorenen Krieg» die andere - weltbürgerliche - Komponente demokratischer Ideologie in den Vordergrund gerückt war. Man pflegt zu vergessen, daß der Absolutismus des 18. Jahrhunderts - wenigstens in Deutschland - nicht nur der Begründer des Nationalismus ist, sondern mit seiner bewußt egalisierenden Wirkung gleichzeitig der Vater der Demokratie. 148