Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Vollkommenheitsforderung meines Gewissens und die Verheißung, daß Gott Alles in Allem sein werde, einige Wirklichkeit ist. Hier wird die im rein diesseitigen Versuch tragische Haltung, das Gew ußte gewissensaktuell zu nehmen und also daran zu zerbrechen, zu der heilsgeschiehtlichen, also zeitlich möglichen Erscheinung der Gewissenswirklichkeit, die Erlösung heißt. Wir sagten: sein Gewissen muß keinen Menschen zum Glauben zwingen. Aber die in der Potentialität Gewissen gesetzte Möglichkeit des Menschen, tragisch zu werden, ist doch die einzige vom Menschen aus sichtbare Tatsächlichkeit, die den Wirklichkeitsort einer Offenbarung Gottes bezeichnet. Wo die Offenbarung Gottes gewissensaktuell wird - was, wie wir sahen, möglieh, aber nicht notwendig ist -, da ist es um die Vollendungsmöglichkeit getan, und da ist die Erscheinung des Menschen in der Welt fragwürdig, unbestimmt, allen Überraschungen ausgesetzt. Es gibt keine Exemplarität des religiösen Menschen, wie es den typischen Vertreter jeder diesseitigen Vollkommenheitsrichtung gibt. Die Stimme Gottes im Gewissen ist immer eine Prophetie ex eventu der Niederlage der Seele in dem unvermeidlich ewig erneuerten Versuch, doch auch vor Gott exemplarisch zu werden, etwa christlich zu leben, reine Transparenz zu sein. Freilich ist die Welt voll von Hilfslinien, um diese Quadratur des Zirkeis doch zu konstruieren, jede institutionelle Religion ist von dieser Art und sie erreicht auch ihr Ziel durchaus, weil jedes Ziel im Bereiche des wirkend-gewirkten Lebens unausbleiblich sich zur Erreichbarkeit wandelt. Wäre dem nicht so, dann könnten Ideen nicht Geschichte machen. Aber was sie dem Menschen verleiht, ist auch nur eine gesehöpfliehe Exemplarität unter anderen, nicht die der Offenbarung Gottes als Gewissensaktualität des Menschen, weil diese niemals exemplarisch werden kann, wenn Gott Gott, das heißt absolute Person ist. Vielleicht - aber das sei nur mehr sehr behutsam und leise gesagt _ O ö vielleicht ist es dem menschlichen Begreifen und Aussprechen noch erreichbar, diese Gewissensaktualität jenseits der Verzweiflung, das Gewissen der unerfüllbaren Vollkommenheitsforderung auch als den tiefsten Lebensgrund aller Vollendung innerhalb der geschehenden Schöpfung zu erfassen. Etwa so, daß der Sturz in die Gottheit, von der der Mystiker spricht, auch die Fülle der Gestalten in die W irklichkeit reißt. Auf das Erkenntnisproblem gewendet, wäre das ja nichts anderes als das alte Wort: credo ut intelligam. 147