Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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habe ich mehr lebendige Unvollkommenheit - mit anderen Worten: Sehnsucht, Glaubenskraft - übrig, weil ich sie nicht an die Vollendung meiner Exemplarität wenden mußte. Im anderen Fall aber, wenn meine Lebensstunde mich in dem ewigen Weltwechselgang von Konzentration und Dezentralisation in die letztere Phase setzte, wenn ich von meinem Individuum auslebend imEingestalten der atomisierten Welt zwar nicht exemplarisch aber menschlich-paradigmatisch werden will, dann muß ich ein Goethe sein, um mich in diesem Versuch auch nur ernst nehmen zu können, um gewissenhaft zu bleiben, um beten zu können; „Gib das Tagwerk meiner Hände, hohes Glück, daß ich's vollende44! Wenn ich das nicht kann - und wer könnte es? Goethe ist kein Vorbild zur Nachahmung, grade weil er das paradigmatische Individuum ist wenn ich das nicht kann, was bleibt mir dann, was ist mir gewissensaktuell? Auf der einen Seite die ausschließlich diesseitige Vollendungsmöglichkeit unter welchem soziologischen Dach auch immer, ob Berufsethos, Spezialistenstrenge oder Kirchentreue, ob völkisch, bündisch oder parteipolitisch, die Nachfrage wie das Selbstangebot von Führern beweisen, daß das Wahrscheinlichkeitsgesetz heute mehr denn je über der Erfüllung der Vollkommenheitsforderung waltet. Und es kann nicht anders sein, als daß das Lebensganze der Menschen in Zeiten der Dezentralisation immer mehr statistisch resultiert, als in solchen der Konzentration, statistisch im Sinne der modernen Physik. Der unmittelbar im Akkord Gottes arbeitende Mensch, der schöpferische Mensch, wie der Jargon des Tages in unbewußter Selbstverspottung sagt, ist nicht der Mensch dieser Zeit. Aber wir haben nicht den Status der Zeit aufzunehmen, ihr nicht die Gewissensfrage zu stellen, wir haben jetzt noch zu versuchen, den als notwendig erkannten Entwerdegang des Gewissens in das Gewußte, das Sicherleben der Wirklichkeit auf Kostender Freiheit, vor der Vollkommenheitsforderung aus dem Jenseits, dem Jenseits der Verzweiflung zu sehen. Auch hier muß das Leben der Ubergang des Gewissens in das Gewußte sein, es muß eine Heilsgeschichte geben, aber sie muß gleichzeitig Geschichte und ewige Aktualität sein, diese zum Grundsatz erhobene Paradoxiemuß ihr Wesen ausmachen. In der Monotonie der einzigen Gewissensaktualität des Wortes ,,ich armer sündiger Mensch44 muß doch die Heilsgeschichte geschehen, das Heil gewirkt werden. Es muß so sein, daß die 146