Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0643-2824592- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bedeutung des Noch-zu-Vollendenden und darin Richtung bestimmenden hat, der geformten Seele aber durch seine eigene Dauerwürdigkeit den Charakter der Exemplarität verleiht. Ein Mensch lebt sich zu einem vollgültigen Träger einer Bestimmung - in Stand, Beruf, Staat - aus, kann sich nur ausleben, wenn das bestimmende übergeordnete Wesen eine durch die Fortdauer gewährleistete Vollendungsmöglichkeit hat, aber auch der Fortdauer über das Individuum hinaus bedarf, damit diese Möglichkeit etwas Aktuell-Wirkendes sei. Die besondere Vollendungswürdigkeit unter irgendeinem „höheren Gesichtspunkt" ist dabei nicht in Frage, Nur, wo es sich um ein benennbares Ziel handelt, darf dieses Ziel nicht schon erreicht sein. Sonst aber ist jede noch so leicht wiegende soziologische Einheit mächtig, der sich gestaltenden Seele Vollkommenheit und Exemplarität zu verleihen. Beides zusammen - Vollkommenheit und Exemplarität - macht das Wesen dieser dieseitigen Vollendungsmöglichkeit aus, im radikalen Unterschied von der jenseitigen Vollkommenheitsunmöglichkeit und Personalität. Du wirst vollkommen sein - hier, aber du wirst ein vollkommener Irgendetwas sein. Du sollst vollkommen sein - dort, du wirst es hier nicht, aber du wirst erlöst werden als dieser, der du bist, oder gar nicht. Dennoch kann diese scharfe Antithese nicht das einzige oder letzte Wort sein über die Stellung der beiden Arten der Gewissenswirklichkeit zueinander. Mag eine radikale Theologie der Krise darin verharren, die Tatsache der Diesseitsmöglichkeit des Gewissens bedeutet, daß der Mensch in die noch werdende Schöpfung gesetzt ist, daß - theologisch gesprochen - nicht nur Gott der Erlöser, sondern auch Gott der Schöpfer gewissensaktuell ist. Nicht nur meine sündige arme Seele und ihr ewiges Heil, auch meine menschlich-exemplarische Anonymität ist mir als Gewissenssache gesetzt. Und daraus folgt, daß ein gläubiger Mensch, überhaupt jede gewissenslebendige Seele ein positives Verhältnis zu der Zeit, dem Volk, dem Stand haben muß, in dem ihr Leben gelebt wird. Wenn die diesseitige Exemplarität leicht, wie von selbst erreicht wird, wenn man in seinen Lebensraum leiblich und geistig hineingeboren wird, wenn also das Gewußte, die Wirklichkeit, welche von meiner werdenden Seelengestalt bewährt wird, so leibhaft vor mir steht, daß ich sie nicht erst von Gewissensaktualität zu Gewissensaktualität er-leben muß, mir wörtlich er-leben, dann habe ich gewissermaßen Gewissensreserven gespart, dann 145