Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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die Entfaltung im Keim mitgeschaffener Wahrheit ist, nicht ein Entwickeln vorbelichteter Platte, das Gewissen ist nicht die Stimme Gottes. Sondern das innere Gesetz des Gewissens ist das allgemeine Lebensgesetz: das Ergreifen im Verwandeln des Ergriffenen und des Ergreifers. Das Gewissen als ein lebendiges Teil untersteht zunächst einmal dem Tatbestande, daß da, wo Geschichte möglich, Geschichte unausbleiblich ist. Uber das Was dieser Geschichte, der Historie wie der Biographie, ist damit nichts ausgesagt, es muß nicht Heilsgeschichte sein. Wohl aber ist gesagt, daß keine Gewissensentscheidung möglich ist anders denn als ein Vollzug innerhalb einer bereits angelebten Zeit. Wer meint, die Freiheit des Gewissens sei seine eigene Freiheit vom oder im Gewissen, der begeht die übliche Verwechslung von Gewissen und Gewußtem. Die Freiheit des Gewissens besteht, aber sie besteht nur vor Gott, wie es auch nur vor Gott Sünde, vor Gott Buße und bei Gott Vergebung gibt. Die Uberweltlichkeit Gottes macht es möglich, daß die Freiheit des Gewissens, daß Ursache ohne Wirkung und Wirkung ohne Ursache überhaupt auch nur gedacht werden kann. Rein innerweltlich gesehen wird die Freiheit zur bloßen Problematik des Gewissens, der hier die Problematik alles Lebens zum Gleichnis steht. Aber noch die Karikatur von Glaube und Gnade - Autosuggestion und Utopie - bezeugt die Natur des Gewissens: aus dem Gewußten ins Überbewußte, aus dem Letzten ins Ubernächste zu leben, hoffend zu sein. Wir nannten die animale Gesundheit das gute Gewissen des Leibes. Wir müssen aber auch hier in der übertragenen Verwendung der Begriffe Gewissen und Gewußtes unterscheiden. Wenn das befruchtete Ei in die Entwicklung eingetreten ist, der Keim sich „richtig" ausgestaltet, so ist diese Richtigkeit von dem noch nicht wirklichen Entwicklungserfolg aus bestimmt, d. h. als Eigenschaft des Keimes angesprochen ist es die Aktualität des Ubergangs von Möglichein in Wirkliches, im Gleichnis also von Gewolltem in Gewußtes. Die Gesundheit des vollausgewachsenen Organismus entspricht dann dem guten Gewissen, der erfüllten Vollkommenheitsforderung, deren Wesensteil, daß sie nämüch nur exemplarisch, nicht absolut zu sein hat - nicht „gleichwie euer Vater im Himmer4 - durch die Fortpflanzung als Besiegelung der individuellen Existenz offenbar wird. Das Biologische dient zum Gleichnis. Das gute Gewissen, die gleichsam leibhafte Gesundheit der Seele ist nur möglich durch die Wirklichkeit eines überindividueilen Seienden, das der werdenden Seele gegenüber die 144