Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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heit, und für den Einzelnen an seinem Ort innerhalb der Gesamtgeschichte. Die Problematik des Gewissens ist der Versuch, geschichtslos., biographielos zu werden, den Augenblick festzuhalten, die Aktualität einer Gewissenssekunde in Permanenz zu erklären. Die Tragik des Gewissens ist der Versuch, das Gewußte für gewissensaktuell zu nehmen, nicht aus dem Gewußten in das Gewissen, sondern aus dem Gewissen in das Gewußte zu leben, den Marmor zu beleben. Die Komik des Gewissens ist der Versuch, das Individualgewissen für total zu nehmen, die eigene Gewissenskrise zur Weltwende zu machen. Das Ereignis des Gewissens ist das Sichfinden der Seele in der von ihr erfragten Wirklichkeit und damit das Sichschuldigsprechen an dieser Wirklichkeit. Es ist der absolute Augenblick, das Ereignis der Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Verschuldetem und Geschuldetem. Die Uhr der Geschichte schlägt ihre Stunden in einem lebendigen Herzen. ★ ★ ★ Der Sabbat ist um des Menschen willen da und nicht der Mensch um des Sabbats willen. Wenn das Gewissen dasjenige ist, was den Menschen aus einer Säugetierspezialität zum Menschen macht, so kann das nichts anderes bedeuten, als daß damit ein neuer Wirklichkeitsraum geschaffen ist, dessen Geometrie durch die menschliche Physis bewährt werden kann. Ob man diese Geometrie nachträglich wieder aus jener Phvsik ableitet oder ob man sie als axiomatisch erweist, ob man also utilitarische oder dogmatische Ethik lehrt, das scheint mir für das Problem des Gewissens sekundär zu sein. Das Gewissen ist eben wirklich nur Instrument, nicht Partitur, anders als das Gewußte, das natürlich dem individuellen Leben gegenüber zum C C* Großteil schon Voreingelebtes ist. Aber das ist ja auch das Große, das Stolze an dem Gewissen. Wenn Kierkegaards Vater über Feld geht und Gott verflucht, so hat er das ebenso aus dem Gewissen getan wie Luther, als er das Tintenfaß nach dem Teufel warf. Das Gewissen ist nicht der Feldwebel Gottes, der für den Innendienst verantwortlich ist, es ist so gut für Gott wie wider Gott, es hat qua essentia kein anderes Anliegen, als daß der Mensch ganz sei was er sei, „du sollst vollkommen sein'". Aber in dem Wort Gewissen ist sicherlich nicht ohne Grund das Wissen sprachlich enthalten. In jedem Gewissensereignis ist Erkenntnis gesetzt, ist Antwort erfragt. Daraus folgt, daß die Gewissensgeschichte nicht nur 143