Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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tät ohne Erfüllung die einzige von uns aus mögliche Aussage über eine jenseitige Wirklichkeit ist, gewissermaßen der Raum hinter dem Spiegel, der nur da ist, wenn ein Antlitz sein Bild in dem Spiegel sieht. Aber wenn dem so ist, wenn mit dem Sündenfall nicht nur die Vertreibung aus dem Paradiese vollzogen, sondern auch die Schöpfung in Permanenz erklärt worden ist, dann gibt es - so befremdlich das klingen mag - auch eine Geschichte des Gewissens. Befremdlich genug klingt diese Behauptung, denn die Genialität des Gewissens ist ja immer der Protest gegen die Geschichte gewesen, von den Propheten über Luther zu Kierkegaard. Aber der Protest bestätigt immer beide Teile. Das Leben geht nur darum immer weiter, weil es überall an das Ende kommt, weil es nie dazu gelangt, in heiterer Ruhe ewige Kreise zu ziehen. Was ist das, die Geschichte des Gewissens? Ist es die Abfolge der sittlichen Anschauungen der Menschheit, beginnend mit Primitivologie und endend in Statistik? Ist es also ethischer Historismus und Relativismus? Gewiß nicht. Oder ist es eine Art von barometrischer Kurve der Gewissensintensität, werden wir aus ihr lernen, daß die Menschen im Ablauf der Zeit immer schwachlebiger in dem Gewissen wurden? Auch das nicht. Sondern die Geschichte des Gewissens ist - in ihrer Vollendung gedacht - die restlose Erfüllung der Zeit, das Ansendekommen in allen, aber auch allen Sackgassen, positiv benannt: allen Vollendungsmöglichkeiten, damit - der Glaube fährt fort: die Schöpfung ebenso vollendet wie der Turmbau zu Babel endgültig mißglückt sei, damit - ungläubig gesagt: der letzte Mensch ohne Neugierde sterbe. Es ist also die geschichtliche Wirklichkeit des Gewissens nichts anderes als die Weise alles Lebendigen: überall verleugnet das Leben scheinbar sein eigentümlichstes Wesen, sein In-actu-sein, seine ewige Potentialität, indem es in die Sackgassen des Individuellen ausläuft, sich - wie man beschönigend sagt - in sich vollendet. Das Leben ist eben auch des Teufels; „beim ersten sind wir frei, beim zweiten sind wir Knechte", und die Freiheit des ersten Schrittes erkennen wir erst retrospektiv vom gebundenen zweiten aus. Den Teufel kann wirklich nur Gott besiegen, nicht der Doktor Faust. Die Geschichte des Gewissens ist der zunehmende Ersatz des Gewollten durch das Gewußte, die erschöpfende Bewährung der Wirklichkeit im Selbstgestaltungsgange des Menschen, im Individuum wie in der Gesamt - 142