Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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tialität „Gewissen44 gesetzt. Die Gewaltherrschaft des großen Despoten ist die civitas dei ohne Gott, die Vollkommenheitsforderung und Vollendungsmöglichkeit des Einzelnen ist unter ihr gegeben in der Verwirklichung des Herrschaftsanspruchs des genialen Einen. Der Glaube an das Recht des Herrschers, der Welt sein Gepräge zu geben, wird zur entscheidenden Gewissensforderung des Gefolgsmanns, der Erfolg des Herrn zur Bestätigung der richtigen Selbsterfüllung des Dieners. Der irdische Gewaltmensch tritt wirklich, nicht etwa nur fiktiv, an die Stelle Gottes, er setzt eine neue diesseitige Wirklichkeit, in der den Beherrschten die höchstmögliche Gewähr des guten Gewissens, der erlangbaren Vollkommenheit geleistet ist. Es ist durchaus sinnvoll, wenn mythisch-produktive Zeiten einen solchen Mann unter die Götter erheben. Ja, vielleicht läßt sich noch weiter ausdeutend sagen, daß jeder Mensch, dessen Leben legendarische Gestalt annehmen kann, die Erschaffung eines neuen Wirklichkeitsraums ist, in dem Menschen exemplarisch werden, Gestalt empfangen können. Von der Idee der überweltlichen Bestimmung des Menschen aus gesehen ist die Möglichkeit der Selbstvollendung in der Gefolgschaft des Gewaltmenschen die gefährlichste von allen, weil sie die stärkste Wirklichkeitsbestätigung erfährt und keinen Weg in das Jenseits der unvermeidlichen Katastrophe des Helden offen läßt. Aber der Vollzug dieser Möglichkeit ist als notwendig begreifbar, denn die Unfreiheit der Menschen, die hier erscheint, verwirklicht die Freiheit des Menschen, als des Wesens, dem ein Soll gesetzt ist; wie ja erst die möglichen Abwege den richtigen Weg zum „richtigen" machen. Gäbe es nicht eine Vielheit der Arten, dem Gewissen Genüge zu tun, so wäre dem Menschen nicht ein Gewissen angesehaffen, sondern Gottes Wirklichkeit vorausgesetzt - ein religiöser Instinkt, der Mensch wäre paradiesisch vollkommen von Schöpfungs wegen, gleichwie das Tier irdisch vollkommen ist. Daß es nicht so ist, das wissen wir nicht nur aus uns selbst, sondern auch von der Welt her, deren Sinngestalt nicht das animalisch überall vollkommene Leben sein kann, weil sich über ihm in der Zeit immer neu Gestalt vollendet. Wieder und immer wieder sei es gesagt: allein die Tatsache der diesseitigen Erfüllungsmöglichkeit der Vollkommenheitsforderung, die wir Gewissen nennen, die Möglichkeit also, das Geschöpfliche zu überschreiten und Gott nicht zu erleben, macht in einer Welt, die zeitlichen Wesens ist, das Gewissen zu der formalen Bereitschaftswahrheit, deren Aktuali- 141