Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Ganze den Teilen und die Teile dem Ganzen, der Wille zur Gesundheit ist die Vollkommenheitsforderung des leiblichen Gewissens. Gesundheit bewährt aber nicht nur den Organismus in seiner inneren Selbstvollendung, sondern auch die Welt, in der sich leben läßt. Wenn die Welt paradiesisch wäre, so wäre diese rein vitale Vollkommenheit, das animale gute Gewissen ihre erschöpfende Bewußtseinsprojektion. Der Mensch vor dem Sündenfall, der ideelle Mensch einer zeitlosen Welt ist noch ohne Gewissen, die reine Gegenwärtigkeit der Schöpfung ruht in dem „Es ist gut" des Schöpfers. Gäbe es in der unparadiesischen Welt, der zeithaften Welt den Menschen nicht, so wäre das animale gute Gewissen — die Stärke des Starken, die Schnelligkeit des Schnellen, die List des Listigen - die ganze Aussage des Lebens über sich und die Weltwirklichkeit. Das Individuum vollkommen, das Lebensganze der Kampf aller gegen alle. Die Zeitlichkeit der Welt hätte keine Stätte gewirkt-wirkenden Selbstbewußtseins. Es gibt den Menschen, den Menschen des guten und den des schlechten Gewissens, des Gewissens auf jeden Fall, das über die im Paradies gesetzte Schöpfung hinaus Wirklichkeit bewährt. Der Mensch des guten Gewissens bezeugt, daß über die im Paradies gesetzte, unmittelbar vollkommene Schöpfung hinaus lebendige Gestalt vollkommen werden, daß die Schöpfung vollendet werden soll, er bezeugt, daß Kultur sein soll. Der Mensch des schlechten Gewissens bezeugt, daß über die in aller Vollkommenheit vollendete Schöpfung hinaus Leben sein soll, Leben, welches in aller Zeit seiner Vollendung bedürftig bleibt, er bezeugt, daß Erlösung not tut. Noch einmal sei es gesagt: die reine Tatsächlichkeit des menschlichen Gewissens ist eine formale Gegebenheit, der Ausdruck einer Potentialität gegenüber der restlosen Aktualität des Tieres. Wenn ein menschliches Individuum kein Gewissen hat, wenn es also das - eigentlich unmenschliche - absolute Individuum ist, so gibt ihm dieser Mangel die Macht im Kampfe der Menschen, die Macht des Tieres mit seinem vitalen Wirklichkeit sinstinkt. Raskolnikow wird kein Napoleon, weil er Gewissen hat. Das Wort „Die Politik ist das Schicksal" ist das Selbstbewußtsein des Menschen ohne Gewissen: das Subjekt der Politik setzt sich an Gottes Statt,es gibt dem Leben Raum und Grenze, ohne selbst Gestalt zu empfangen. Nicht als löge dieses Wort! Das Volk, das Objekt der Politik erwidert ihm Bestätigung, es nennt diese Menschen Gottesgeißeln. Auch die Möglichkeit, Menschen zu Objekten der Politik zu machen, ist ja in der Poten- 140