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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 17)
Language
German
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das gute Gewissen ist der Logos eines in sich vollendeten Kosmos, die olympischen Götter sind die personifizierten guten Gewissen der hellenischen Welt, sie sind nicht jenseits aber diesseits von Gut und Böse. Wo ein Mensch, ein Volk, eine Kultur ein gutes Gewissen hat, da ist eine menschliche Gestaltmöglichkeit bewährt, vollendet. Es ist Torheit, wenn man sich dagegen zum unberufenen Sachverwalter Gottes macht. Was sich in sich vollenden durfte, das hat Gott gewollt. Es ist aber nicht minder Torheit, wenn sich das gute Gewissen zum Sachverwalter Gottes macht und erklärt, daß Gott nichts anderes gewollt habe, daß jedes Ganze das Ganze sei. Beides ist Torheit aber verzeihbar, entscheidend ist die Wirklichkeit, und ob das Leben in der Form erkaltet oder in der Flamme verglüht - beides ist recht, nur das Verfließen ist Lebensabfall, ist nicht aufgehender Rest, ist gewissenlos. Der Gedanke des Telos, der Idee, daß man „sein soll", setzt einen Ort der Wirklichkeit, in den mein Leben als Tat einmündet, um als Widertat zu mir heimzukehren. Das Soll ist nur denkbar, wenn Wirken und Gewirktwerden einiges Ereignis sind. Das Gewissen ist der Bewußtseinsort der Wirklichkeit dieses einigen Ereignisses. Daß ich ,,vollkommen sein soll", ist die formale Wahrheit, die Grammatik jeder Gewissensaussage; daß wir „vollkommen sein sollen gleichwie der Vater im Himmel vollkommen ist64, das ist damit, daß es Gewissensaussage gibt, noch nicht mitgesagt. Es muß also kreatürlich möglich sein, vollkommen zu sein, und zwar muß diese „natürliche64 Möglichkeit die leichtere, besser: die wahrscheinlichere sein. Die Forderung ist ja nicht, daß ich „ein vollkommener Mensch46 sein, sondern daß „ich64 vollkommen sein soll, es ist nicht der paradigmatische Mensch gefordert. Ich bin um so näher der Vollkommenheit, je mehr meine wachsende Selbstdarstellung von der Wirklichkeit bestätigt wird, je mehr meine Wirkung in die Welt sich in der Rückwirkung auf meine Erscheinung erweist. Die Sprache drückt diesen Vorgang sehr deutlich aus: ein Mensch lebt sich in eine Aufgabe, einen Beruf, einen Stand ein. Sich einleben - darin hegt das Zugleich von Wirken und Ge- D © formtwerden. Ein unauflösliches Zugleich von Aktivität und Passivität, von Wollen und Gewolltwerden, von Ausgehen und Empfangenwerden ist die einige Wirklichkeit alles Lebens. Das Wohlgefühl der Gesundheit des Leibes ist der Bewußtseinsakkord der organischen Vollkommenheit des Körpers, gleichsam das gute Gewissen des Leibes. Es bestätigt das 139

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