Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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die Welt in eins zu erleben - das heißt Gewissen zu haben - und nicht zu verzweifeln? Das ist zwiefach möglich, diesseits und jenseits der Verzweiflung. Diesseits. Die Welt ist so eingerichtet, daß das Leben ohne Gott möglich ist, daß es dem Menschen gelingt, ein gutes Gewissen zu haben. Um nicht zu verzweifeln, muß der Mensch die Fortdauer seiner Existenz mit dem Gewissen bejahen können. Er kann das aus der Erkenntnis heraus, daß er noch nicht ist, was er sein soll, oder aus der Uberzeugung, daß er so ist, wie er sein soll. Die beiden Möglichkeiten, sich mit dem Gewissen einzurichten, sind nicht gegeneinander abzuwerten, sondern auf eine gemeinsame Bedingtheit hin zu erforschen. Es muß eine Lebenswirklichkeit darin offenbart sein, daß es gleich sinnerfüllend scheint, aus dem Nein wie aus dem Ja gegen das gelebte Leben fortzudauern. Gleich sinnerfüllend, denn es ist nicht so, daß der eine im Gewissen „sich" quälte, der andre im Gewissen „sich46 täuschte, es ist überall nichts von Aktivität darin, kein transitives Verhältnis innerhalb des Gewissens ist möglich. Das Gewissen ist ein Schnittpunkt von Geschehenslinien, ein geometrischer Ort innerhalb des Raumes der Lebens Wirklichkeit, es ist weder ein Subjekt im Subjekt noch ein Organ des geistigen Organismus noch ein Teilbezirk des Bewußtseins. Die diesseitige Möglichkeit der Gewissenseinrichtung nannten wir die der Uberzeugung, zu sein, wie man sein soll. Sie ist berechtigt, wie jede Diesseitsmöglichkeit berechtigt ist, ein Ausdruck jener Wirklichkeit, die von dem Worte bezeichnet wird: es ist gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Man kann sich damit abfinden, daß es so ist, man kann ja die Unmöglichkeit, „in den Himmel zu wachsen", von beiden Seiten bejahen: indem man der Unmöglichkeit glaubt oder indem man sie von Gott erglaubt. Beide Arten - das sei wieder gesagt — sind berechtigt, sind in der Anlage des Menschen gesetzt, ergeben einen notwendigen Vollzug der geschöpflichen Wirklichkeit Mensch. Die Uberzeugimg, daß man ist wie man sein soll, ist nicht etwa eine rein tautologische Bejahung seiner selbst. Man kann sich nicht an dem eignen Zopf aus dem Wasser ziehen. Sondern die Uberzeugung, daß man ist wie man sein soll, ist die in das Bewußtsein abgeschattete Tatsache einer diesseitigen Formerfüllung. Das Gewissen sagt nie die Unwahrheit, 138