Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2823768-2823775-2823778--0635-2824584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
einem schlechten Gewissen kann man nicht wirklich schlecht sein. Das gute Gewissen glaubt der Vergangenheit, das schlechte Gewissen glaubt an die Zukunft, beide zusammen ergeben die Totalität Mensch. Das gute Gewissen ist eine soziale Angelegenheit, das schlechte eine religiöse, das eine bejaht die Menschheit, das andre Gott. Amerika ist das Land der guten Gewissen, Rußland das der schlechten. Was ist das Gewissen? Alles Leben hat den inneren Sinn, die Wahrheit an einem Teile zu bewähren. Bewähren heißt eine Möglichkeit zur Vi irklichkeit machen. Soweit das Leben Gesetzen folgt, ist es nicht wesentlich lebendig, sein Wesen offenbart sich, wenn es ein Gebot erfüllt, eine \ erheißung verwirklicht. Denn das Leben duldet die Wiederholung nur um des Fortganges willen, der Mensch kann in der bloßen Gesetzestreue nur dort lebendig sein, wo die Gesetzesbefolgung mit dazu dient, daß .,die Zeit erfüllet werde4'. Das Gewissen ist eine Tatsache des geschöpfliehen Lebens des Menschen, es ist rein diesseitig, weder ist es der eingepflanzte göttliche Funke, noch eine Offenbarung Gottes; sein Gewissen muß keinen Menschen zum Glauben zwingen. Das Gewissen ist eine Stätte, wo der Mensch Erfahrungen macht, Erfahrungen aber, die allemal ein Zugleich von Erkenntnis und Bewertung darstellen, das heißt: ein Zugleich von seiender VI eltwirklichkeit und werdender Ichgestalt. Es gibt keine Gewissensaktuahtät, in der nicht das gelebte Leben und die Weltwirklichkeit sich gegenseitig zur Krise würden. Mit der zunehmenden Masse der gemachten Gewissenserfahrungen im Fortgange des Lebens nimmt die Breite der mit dem Gewissen erfahrbaren Wirklichkeit ab, die Tiefe zu. Es gibt keine Sprünge auf diesem Wege, es gibt ein Weiterkommen - und damit das Lebendigbleiben des Gewissens - nur so, daß jede Gewissenstatsache völlig zu Tat und Sache wird, zur einigen Offenbarung von Mensch und Welt, jede ganz wirkliche Gewissenstatsache verwandelt die Seele des Menschen und verändert das Antlitz der Erde. Nur in der absoluten Identität dieses zw eiheitlichen Geschehens geschieht die Wirklichkeit des Gewissens. Die Wahrheit über das Gewissen ist das Wort von dem Glauben, der Berge versetzt; die Wahrheit über die Gewissen ist, daß keine Berge versetzt werden. Wie ist es menschenmöglich, zu leben, sich selbst und 137