Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Im einen Fall bestätigt das Gewissen die bestehende Weltordnung, im anderen Fall widerstreitet es ihr. Die Schwere der Gewissensbelastung steht in keinem einfachen Verhältnis zu dem Fluch der Tat; die gefühlte Gewissensbefriedigung bürgt nicht für den Segen der Tat. Es gibt keine Tat, die so entsetzlich wäre, daß nicht ein Gewissen gegen sie abgestumpft werden könnte. Es gibt keine Tat, die so entsetzlich wäre, daß sie nicht von einem Gewissen befohlen werden könnte. Die Gemeinschaft belastet das Gewissen, indem sie dem Einzelnen eine Tat als Schuld auflegt - Moral -; die Gemeinschaft entlastet das Gewissen, indem sie eine Tat des Einzelnen als Schuld auf sich nimmt - Politik. In beiden Fällen schwächt sie das Gewissen, im ersteren das der andern, im letzteren das des Einzelnen. Die Gesellschaft rechnet bei der Behandlung der Einzelnen nicht mit dem Gewissen sondern mit dem Gewußten, sie gibt Gesetze und macht sie wirksam: wer nicht hören will, muß fühlen. Die Gesellschaft schützt den Einzelnen vor den Unannehmlichkeiten seines Gewissens, sie verkündet Gebote und empfiehlt sie: wer nicht fühlen will, kann hören. Ein Mensch wird um so brauchbarer für die Gesellschaft, je mehr er aus dem Gewußten, je weniger er aus dem Gewissen lebt; das gilt in Zeiten ruhiger Ordnung, gesicherter Lebensform. Ein Mensch ist um so wertvoller für die Gesellschaft, je mehr er aus dem Gewissen, je weniger er aus dem Gewußten lebt; das gilt in Zeiten gestörter Ordnung, fragwürdiger Lebensform. Alles Gewußte ist einmal Gewissensentscheidung gewesen. Eine Entscheidung für das Gewußte läßt das Gewissen unberührt, eine Entscheidung gegen das Gewußte stärkt oder tötet das Gewissen. Das Gewissen offenbart sich nur diesseits oder jenseits des Gewußten, im Kind und im Sünder. Der Gang des Lebens, im Einzelnen und in der Gesamtheit, wandelt zunehmend Gewissenssachen in gewußte Dinge. Es gibt keine Befreiung von dieser Notwendigkeit, es gibt nur eine Freiheit jenseits des Gewußten. Das freie Gewissen wird immer einsamer in der Welt, im Laufe des Lebens und in der Geschichte. Mit einem guten Gewissen kann man nicht wahrhaft gut sein; mit 136