Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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RUDOLF EHRENBERG GEWISSEN UND GEWUSSTES Wenn das katholische Kind auf den Beichtgang vorbereitet wird, so lernt es als Erstes, sein Gewissen zu „erforschen". Das Forschungsergebnis ist eine schwarz auf weiß fixierbare Sammlung von Sünden, von Verstößen gegen bestimmte benannte Verbote und von Unterlassungen gegenüber ebenfalls fest formulierten Geboten. Es lernt Ereignisse, Handlungen und Versuchungen in eine Ordnung bringen, das was beichtpflichtig ist von dem anderen, für das Sakrament Belanglosen unterscheiden. Es weiß: das, was gebeichtet werden muß, heißt böse, das andre heißt gar nicht. Die Anhänger der Beichte sagen, die frühzeitige Gewissenserforschung übe und stärke das Gewissen, und meinen damit das Unterscheidungsvermögen für böse und nicht böse. Die Gegner der Beichte sagen, die Erziehung zum Beichtkinde schädige und gefährde das Gewissen, und meinen damit das Unterscheidungsvermögen für gut und nicht gut. Was lernt das Kind, das ohne eigentlichen Moralunterricht von ordentlichen Eltern erzogen wird? Es erfährt, daß es Dinge gibt, die man nicht wiedertun darf, Dinge, die man wiedertun kann, und Dinge, die man wiedertun soll. Die erste Sorte heißt böse, die zweite heißt gar nicht, die dritte heißt gut. Die bösen Dinge werden bei der Wiederholung immer heftiger gerügt, die guten Dinge werden bei der Wiederholung immer weniger gelobt. Das Kind lernt die Lüge an der Verheimlichung des Bösen, nicht an der Vorspiegelung des Guten, es würde die letztere Lüge für die größere Schlechtigkeit halten. Das Kind nimmt es den Eltern weniger übel, wenn sie es ungerecht tadeln, als wenn sie das Brüderchen unberechtigterweise loben. Das Kind ist rigoroser in der Beurteilung des Guten, die Eltern sind rigoroser in der Beurteilung des Bösen. Gibt es zweierlei Gewissen? Einen Verbrecher treibt sein Gewissen, die Tat einzugestehen, er fühlt sich im Gewissen erleichtert, wenn die Schuld am Tage ist, wenn das Gesetz seinen Gang geht. Einen Propheten zwingt sein Gewissen, die Tat zu tun, er fühlt sich im Gewissen entlastet, wenn die Wirkung eintritt, wenn die ruhige Ordnung der Dinge gestört ist. 135