Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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die Wasser, die vom Himmel kommen, vereinigen sich mit diesen Hießenden Kräften und gehen mit ihnen dieselben Wege, bis sie am Strebepfeiler von Wasserspeiern aufgefangen und von ihnen in einem mächtigen, aber der steinernen Struktur des Münsters ähnlichen Bogen zur Erde geworfen werden. Das nächste Bächlein auf der Gasse nimmt sie auf und trägt sie weiter durch die Stadt, so daß rings um das Münster eine gewaltige, sehr feine und selten beobachtete Architektur des Wassers entsteht, deren Grundriß viel weiter ist als der Grundriß der ganzen Stadt. Ganz ähnliche Architekturen bildet das vom Himmel niederströmende Wasser über die ganze Erde hin, indem es in tausend Rinnsalen von hohen Bergen niederfließt, über Felsen springt und erst im weiten Meer sein Fundament und die Ruhe seiner Kraft findet. L nd da die Menschen in ihrer inneren Struktur an das Wasser gebunden sind und am asser wohnen müssen, an spärlichen Wassern, auf den Berghöhen und in den Gebirgstälern wenige, an reichlichen Wassern, in den unteren, breiteren Tälern und in der Ebene sehr viele, so wird auch die Menschenmasse zu hinein Gliederbau, zu einer gewaltigen Architektur feinster Verzweiguni' 7 r* ~ o und Gliederung gleich der Architektur des Münsters und der fröhlichen Gewässer von Freiburg. ir haben trotz dem lieben Müllerliederdichter vom Wasser viel mehr gelernt als bloß das Wandern. Das Wasser i^t das Alte Testament des Geistes, der Johannes Baptista des Geistes, und mau darf nicht nur gleichnisweise, sondern w irklichkeitsernst auch hier sa^en: Quod in VetereTestamento latet, in Novo patet. So komm»' ich zu dem Satze: Auch der Geist hat seine Architektur und ist wie ein Münster der ganzen Erde. Es ist ein Fließen von unten nach oben und ein Fließen von oben nach unten in ihm. Er kann sein wie ein gewaltiges Erdfundac? c> ment, wie eine Säule und ein Strebepfeiler, wie ein Schwibbogen und eine Gewölberippe, wie ein Schlußstein oder eine Kreuzblume - im Gefüge der Notwendigkeiten - oder auch wie ein reiches Portal, wie eiu\\ irnperg, wie eine Fiale, wie eine Baldachinkapelle, wie eine Krabbe an der Aufstieglinie des Giebels und der Turmspitze - in der Zutat der Zierden -; wie das Meer, oder wie der Bodensee, oder wie der Wasserfall, oder wie die allerfernsten Quellen des Rheines und seiner Zuflüsse aus den Bergen. Das Schulkind, das den kleinen Katechismus lernt, und der große Thomas von Aquin, der die Summa theologica schreibt, gehören beide zu der großen Architektur, und auch ich, und ich will dessen froh sein. 133