Mannheim
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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Menschen. Die Menschen bekommen ganz andere Gesichter, als sie sonst in anderen Städten haben. Ich kann mir wohl denken, daß da auch ihr Verstand viel offener und bereiter ist für die Ströme von Wissenschaft, die von der Universität aus die Stadt durchfließen, und das Gemüt und der Wille und alles Fleisch und Blut für den Glauben und die Gnade des frommen Münsters. Und ich glaube fast, daß die vielen Bächlein der Stadt auch andersherum mit dem herrlichen Bau des Münsters etwas, und zwar sehr viel, zu tun haben: Es ist irgendwie ihr Werk, irgendwie ihre Uberführung in Stein und Glauben und Gnaden. Wäre das Münster noch nicht gebaut, einmal müßte es gebaut werden; die fließenden Gewässer würden es erzwingen. Man weiß ja doch, daß die romanischen Dome sogegenannte Massivbauten, aufgetürmte, fleischige Kraft sind; ihre Kraft liegt in den starken Mauern und den massigen Gewölben, und der Geist, der sich in ihnen verkörpert, ist ruhiger, wenn auch noch so trutziger, zur Verteidigung wahrhaft bereiter Geist, der nur eben beginnt, nach der Höhe zu streben und das Mauerwerk zu gliedern. Während die gotischen Dome als Gliederbauten bezeichnet werden: ihre Mauern und Gewölbe sind nur noch Füllwerk; sie spannen sich zum Schutz gegen das Wetter und zum Abschluß des Blickes zwischen die schlanken Pfeiler und Säulenbündel und zwischen die Gewölberippen; der Dom würde aber auch ohne sie dastehen, ein wunderbarer Gliederkörper von Strebepfeilern, Säulen, Rippen. Aber mehr als dies: auch die Glieder, die Strebepfeiler, die Säulen, die Rippen sind nicht tote Massen, sondern schier nur fließende Kraft; es fließt die ungeheure Tragkraft der Erde in den Strebepfeilern und Säulen empor, schwingt sich durch die Schwibbogen zur Hochwand, durch die Rippen zum Schlußstück der Gewölbe und spielt da hoch oben mit gewaltigen Steinen, schleudert sie wie ein Springbrunnen zur Höhe und entfaltet sich an der Spitze des Münsterturmes zur blühenden Kreuzblume. Und von da oben, von Turmspitze und Hochdachfirst, strömen wieder die Druckkräfte nieder, erst ganz vereinzelt wie Sonderquellen eines Stroms, dann bündelhaft, dann in immer breiteren Massen, vom Schlußstein in die Rippen, durch die Rippen zu den Pfeilern, durch diese entweder unmittelbar in hohem Sturz zur Erde, sich wieder verteilend in Schmalsäulen oder „Kleine Dienste46, oder mittelbar durch die Schwibbbogen keck über das Seitenschiff hinweg zu den Strebepfeilern und an diesen hinab, sie immer wieder verstärkend, zum starken Erdboden. Und 132

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