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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Wasser. Denn sie ist ebenso für die Aufnahme des Geistes geschaffen wie für das Wasser. Sie kann sogar viel mehr von beiden ertragen als sie von beiden notwendig braucht. Ist die Notwendigkeit gesättigt, dann beginnt die Schönheit zu betteln: „Nun hilf auch mir!44 Und es ist gar kein Zweifel, daß die Schönheit auf Erden wenigstens ebensoviel Recht hat wie die Notwendigkeit, zumal sie sogar die Notwendigkeit beherrscht, so zwar, daß meist schon das Notwendige schön ist. Wo immer ich auf der Erde Wasser und Erdreich zusammen sah, war es wie gegenseitige Liebe und Liebkosung. Das Wasser wirkt wie ein Lebendigsein des Erdreiches, wie ein lieber Bote von Berg zum Tal, wie ein Geselle und Begleiter des wandernden Menschen. Was sage ich: „Es wirkt ivie?" Ich komme zu leicht in den Stil der Gymnasiastenaufsätze über das Wasser! Es ist oft das einzige Lebendigsein des Erdreichs; es ist oft der einzige Geselle und Begleiter des wandernden Menschen. Wenn von Konstanz drüben ein Schiff herüber nach Meersburg fährt, begleiten es Hunderte von Möven, und die Menschen, die auf dem Schiff fahren, freuen sich aufrichtig darüber und das Schiff selbst freut sich, denn es wird schön durch diese Begleitung. Obwohl doch diese Begleiter nur krächzende und streitsüchtige Bettler sind und nur auf die Semmelbrocken der Schiffsgäste warten! Das Wasser aber ist keinBettler; es will nichts für sich von dem Wanderer, den es begleitet. Es steht in der Hierarchie der Begleiter dem Geiste um tausend Grad näher als die Möven, ja auch als die Tauben, deren Gestalt zum Bildnis des Geistes geworden ist. In der Stadt Freiburg im Breisgau ist schier keine Straße, die nicht begleitet wäre von einem hell und hurtig und fröhlich zu Tal fließenden Bächlein. Früher sollen diese Wasser in der Mitte der Gassen geflossen sein; weil aber die Studenten gern mitten auf der Straße gehen und weil sie in der Nacht und gegen Morgen nicht mehr unbedingt sicher im Schritt sind, habe ein fürsorglicher Magistrat die Bächlein in saubere Steine fassen und an die Seite der Gassen legen, einige sogar mit Eisengittern bedecken lassen. Aber auch in diesem Zustand ist es eine fröhliche Sache. Die ganze Stadt ist voll Leben und Glucksen und Plaudern Tag und Nacht. Und sie wirkt so reinlich, als wüschen sich in einer stillen Stunde der Nacht alle Gassen und Häuser in diesem immer frischen und reinen Wasser. Und ein ganz wundersames Glücksgefühl dringt beim Schreiten durch die also belebten und beglückten Gassen in das Herz der 131

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