Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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kann, fließt durch unseren Erlengrund und speist auf Nachbars Wiese den Teich. Es stehen die Erlen an diesem Bach und rauschen in ihren Wipfeln, daß es oft ertönt, als stände eine Orgel im Wiesengrund und drüben im Busch, an der Rotherlehne, habe sie ihr Fernwerk. W arum muß ich hier in Meersburg am Bodensee daran denken? Auch in den Wogen der weiten Wälder um die Wartburg sah ich die Kronen meiner Erlenbäume. Und als ich auf meiner Reise das ganze Meer westdeutscher Geistesbildung wogen sah — ich konnte mich ihm nur so weit nähern wie am vorgestrigen Abend den Wassern des Bodensees: ich hielt die Hand in die entgegenkommenden Fluten, und sie ward umspült von einer Liebe ohnegleichen - warum war ich da nicht traurig wegen der W inzigkeit jenes Teiches und jenes Baches und jener Waldung - und wegen der gar zu stillen und fernen Strömung des Geistes, an der ich mein Heim gebaut habe? Der Geist und der Glaube und die Gnade und alles, von dem es heißen kann: „Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es"\ überströmt die Erde nach demselben Gesetz und in derselben innersten Struktur wie das Wasser. Es ist, als wäre das Wasser der Vorläufer des Geistes, des Glaubens, der Gnade; als könnten Geist und Glaube und Gnade gar nicht anders über die Erde kommen. Und als wäre eine Freude und eine jubelnde Zustimmung, daß es so ist, eine Freude an der Stelle des Quells und des schmalen Bächleins und dieselbe Freude an dem großen, schier unübersehbaren Becken des Sees und dieselbe Freude dann am unendlichen Meer. Es ist, als könnten Geist und Glaube und Gnade gar nicht anders über die Erde kommen, nicht wie das W asser, sondern weil das Wasser nicht anders kommt. Gern möchte der im Meer des reichen Wissens Lebende wieder zurück an die Quellen und an die W iesenbäche. Aber der Geist hat sich das weite Becken gehöhlt, der W iesenbach würde darin versiegen und vertrocknen. Gern möchte ich teilhaben an dem überreichen Geistesleben manches meiner Freunde, aber der Geist, wo immer er fließt, paßt genau zu dem Bettlein, das er sich gräbt; er will nicht größer sein, wo er klein sein will; er will nicht reicher sein, wo er arm sein will; denn er weiß, daß er nie an einer Stelle groß und reich sein kann, wenn er nicht erst an tausend fernen Stellen klein und arm dahinläuft. Weil ich gern am Wiesenbach daheim bin, muß ich oder ein anderer auch gern an den ersten Ursprüngen des Geistes wohnen, so schmal dort auch das Bächlein sein mag. 129