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Die Kreatur · 1927-01-01 · Heft 2 · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
2 (1927-1928)
Issue
Heft 2
Date
1927-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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aber die Distinktionen, die zwischen mir und Gott liegen, sind so breite und tiefe, schaudervolle Gräben, daß ich allen Mut brauche, um hinüberzukommen, und daß ich wohl noch über keinen gekommen wäre, wenn ich nicht von einem Engel hinübergestoßen worden wäre oder wenn nicht von der anderen Seite ein Arm herübergelangt hätte, um mich zu ergreifen. Ich weiß jetzt, daß Wasser und Geist nicht so auseinanderliegen, daß der Geist auf der einen Seite, das Wasser auf der anderen wäre; oder das Wasser unten und der Geist oben. Nur wenn man das Wasser unten sieht, sieht man den Geist oben. Wenn man aber mitten durch das Wasser zum Geiste hinschaut, dann sieht man den Geist mitten im Wasser, und wenn man mitten durch den Geist zum Wasser hinschaut, dann sieht man das Wasser mitten im Geiste, ganz vom Geiste erfüllt und umstrahlt. Und man erkennt, daß Kreatur und Geist innerlichst einander zugeneigt sind und daß sie innerlichst die gleiche Struktur haben, so zwar, daß die Linien ihrer Struktur ineinander übergehen wie die Linien des Wurzelwerks und die Linien des Geästes oder wie die Linien des Alten Testamentes und die des Neuen Testamentes oder die Linien des Menschen, des ursprünglichen, unverdorbenen, und die Linien Gottes (sicher auch die Linien des sündigen Menschen und die seines erbarmenden Gottes). Nun wissen wir manches vom Wasser und auch manches vom Geiste; vieles, was unsere Wissensgier in den Bereich unseres Wissens hineingestohlen hat, manches aber, was uns wirklich heilsnotwendig ist, so nämlich, daß uns dieses Wissen die Dunkelheiten der Erde erhellt und die Helligkeiten des Himmels sichtbar macht. Wir brauchen nur noch den Mut, das geteilte Wissen unteilbar zu machen, damit uns das Ganze offenbar werde. Die Offenbarung ist aber nicht eine unrechtliche Sehnsucht, wie das Wissenwollen des Verstandes unrechtlich und lebensgefährlich sein kann, sondern sie ist unser Leben; wir sind geschaffen zur Offenbarung hin, selbst wenn uns die Offenbarung in ihrer Fülle von der Welt weghöbe und der Welt entrisse; denn wir sind nicht für die Welt geschaffen, sondern für die Offenbarung; für die Welt nur soweit, als sie uns Offenbarung Gottes ist. Und wir leben von jedem Atemzug aus der Offenbarung. Warum muß ich an den weiten Wassern des Bodensees an den winzig kleinen Teich daheim in der Wiese unseres Nachbarn, unterhalb unseres Häusleins, denken? Ein Bach, so klein, daß ein Grashalm ihn überbrücken 128

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