Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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wässern schwebte, sondern daß er Wunder getan habe an den Gewässern, so daß sie sich ordneten über die Erde und daß sie Gesetz und Kraft von ihm empfingen. Mehr wußte ich damals selber noch nicht, denn ich stand ja noch im Bann jener Schule, die den dicken Trennungsstrich zwischen Wasser und Geist gezogen, so daß ich weder das Wasser noch den Geist recht erkannte, noch auch wie sich die Jungen an diesen Trennungsstrich stießen. Nur vom Weihwasser und vomTaufwasser sprach ich zu ihnen, aber es ist immer so, als spräche man von unwirklichen Dingen, sobald der Nameder Dinge einen kirchliehen Klang hat. Hätte ich nur damals gewußt, was ich auf meiner diesjährigen Reise gesehen und erfahren habe, insbesondere dies, daß der Rheinstrom, nichts wissend von jenem Trennungsstrich, ganz still und verstohlen beim Vorbeifließen in den Dom von Speyer eintritt! Da hat doch ein Bischof, als er diesen ernstlichen Willen des Stroms merkte, ein steinernes Becken hingestellt, damit das Wasser immer ein wenig im Dom verweilen könne. Denn Wasser muß von Natur aus fließen, wenn der Schöpfer oder eine Menschenhand ihm nicht ein Becken bereitet und zu ihm spricht: „Bleib ein Weilchen hier!66 Im Becken des Sees oder im Brunnen der Kirche hält der Geist Gottes oder ein guter Menschengeist das Wasser zurück, hebt es aus der Notwendigkeit des Fließens empor in die Liebe des Bleibens, wenn es auch nur ein kurzes Bleiben ist, ähnlich allem menschlichen Bleiben. Stehe ich am Ufer des Bodensees, so höre ich wohl über dem See die Stimme Gottes zu dem Wasser: „Bleib ein wenig hier!66 Ja, als wir vorgestern abend hier ankamen, lockte es uns, die steinernen Stufen am Ufer hinunterzusteigen. Da kam uns das Wasser im Wogenschlag einige Stufen entgegen, benetzte unsere Füße und umgab dann unsere Hände, als wir sie ihm entgegenhielten, mit einer Liebe sondergleichen. Aber dies, obwohl es uns recht ernstlich war, könnte leicht in Verdacht kommen, nur einer unwirklichen Gefühlswelt anzugehören. Beim Brunnen im Dom zu Speyer wird die Wirklichkeit deutlicher. Das Wasser wirkt dort Geistiges. Ungeweiht ist es doch wie Weihwasser, Ja, solche Wasser, die in Heiligtümer fließen, gelten dem frommen Menschen schier mehr als Weihwasser, so daß der Küster des Doms recht freudigen Glauben findet, so oft er erzählt, es seien früher die Menschen in diesem weiten Becken getauft worden, so daß der Bischof nicht nur gesagt hätte: „Bleib ein wenig hier!" sondern auch: „Tue den Dienst des Geistes und wrerde den heilsgierigen Menschen das Bad 126