Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 2 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Dann freilich sprach er es ganz deutlich aus: „Und der Geist Gottes schwebte über den Gewässern". Und er hat sich nicht geschämt, sondern hat es mit diesem Worte offen bekannt, daß große Wasserfluten notwendig waren, ehe er den Geist Gottes nennen konnte. Und er nennt den Geist Gottes nicht allein, sondern nennt ihn zugleich mit den Wassern. Wer von da an weiterliest in den heiligen Büchern, der merkt, wie aus der ersten Erkenntnis des Geistes aus den Wassern ein Wachstum von Erkenntnis zu Erkenntnis entsproß, eine Schule ohne Ende, ein immer liebreicheres Aufhorchen und immer freudigeres Empfangen. Da waren nicht mehr tausend Wasserwogen notwendig, da genügte der sanfte Flug einer Taube, da genügte ein Hauch. Aber die Wasser wurden nicht vergessen: Noch Johannes, der „letzte Evangelist", hörte den Logos des ewigen Gottes, seinen geliebten Meister, sagen: „Wer nicht wiedergeboren wird aus dem Wasser und dem heiligen Geiste, der kann das Leben nicht in sich haben". Und von ihm lernte es die große Kirche, die dieses Geheimnis vom Wasser und vom heiligen Geiste weitertragen und verkündigen wird bis an das Ende der Zeiten. Nun ist freilich die weltliche Schule - ich meine die Schule von der Welt aus - dazwischen gekommen und hat Wasser und Geist von einander geschieden, so als ob das Wasser auch ohne Geist und der Geist ohne das Wasser sein könnte. Und ihre Jünger haben es auch erreicht, daß ihre Gewässer ohne Geist und ihr Geist ohne die Gewässer bestehen. Denn nicht nur Gott schafft seinen Himmel und seine Erde, sondern es schafft auch ein jeglicher Menschengeist seine Welt, und wie sie geschaffen ist, so steht sie da. Es gibt also Welten, in denen das Wasser und der Geist nichts miteinander zu tun haben. Aber in der Schöpfung Gottes muß der Geist über den Gewässern schweben, müssen auch die Gewässer den Geist Gottes haben, vielleicht nicht stärker als andere Kreaturen, aber doch so, daß er über den Gewässern erstmalig und am stärksten erkannt wird. Nicht nur, um einen Einwand oder einen Spott vorwegzunehmen, sondern vielmehr, um einen Bileam prophezeien zu lassen, erinnere ich an die oft bespöttelten Aufsatzthemata meiner Schulzeit, die etwa so lauteten: „Inwiefern gleicht das Leben, oder die Seele, oder die Geschichte der Menschen, dem Wasser?" Wenn der Schüler über dieses Thema nachdenken und schreiben muß, ist er ganz nahe an einem Mysterium seines Geistes; er könnte Meister werden zur selbigen Stunde; er könnte den 124