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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 116)
Language
German
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inen, der Schein allen Sinnes, will über den Tod hinweg Unsterblichkeit des Sichtbaren: sie vermag es, im Abbild den heiligen Menschen auf Erden zu verewigen. Franziskus selber hat in seinem Leben nur die zwei Künste des Raums und der Zeit verwirklicht, den Bau und das Lied, die beide in die erlöste Gestalt der Welt eingehen können: als Tempel Gottes und als ewiger Psalm und Reigen; von Bildern hat er nichts gewollt. Ihm, dem Urchristlichen, dem endzeitlichen Menschen, waren sie so fern, wie Jesus von Nazareth, dem Juden. Die Kirche aber hat längst den Kampf entschieden, der einst, in ihrer Bauzeit, wider Bilder und menschliches Handwe:k tobte und selbst des Tempels auf Iron vergessen wollte, nachdem christliche Offenbarung und Erlösung die Bildwelt der Antike durchbebt und zertrümmert hatte; in ihrem Reich auf Erden, in ihren neuen Tempeln hat sie die Bilder zugelassen, als anschauliche Lehre, zur Verehrung, nicht zur Anbetung: sie hat anerkannt, daß das Bildzeichen neben dem Wort der Schrift als Glaubenszeugnis bestehen dürfe. Nicht durch Franziskus, aber mit ihm zugleich, als Zeichen derselben geschöpfliehen Quelle, die seine eigene Schau der Dinge belebt, aus der Seele des Volkes erstehen die Bilder neuer Meister, und die große Hieroglyphe des Welterlösers in seiner Leidensgestalt wird dem Menschenauge lesbar, weil sie in seine Farben und Formen übersetzt ist. Dabei verwebt sich in voller Gleichzeitigkeit dem abgebildeten Heiligenleben das Bildnis o Ö © der menschlichen Gegenwart: das Porträt des Menschen und die Schilderei der Landschaft. Wie an der Hand des Franziskus die Geschöpfe Gottes alle in die Gemeinwelt der Kirche eingezogen sind, so treten auch die Schöpfungen der Menschenhand in einer Prozession der Bilder in ihren Heilsbereich; die Kunst weiht ihre Dinge dem Dienst des sichtbaren Gottesreichs und bildet ihm die große christliche Entsprechung ein, ins Jetzt verlebendigt und zeichendeutend wie die Legende: den alten Bund des Vaters, den neuen Bund des Sohnes, den jüngsten Bund des ebenbildlichen Nachfolgers. Der Schein des Sterns bricht durch die vielfarbigen Scheiben der Kirchenfenster, malt Leben und Leiden und Verklärung - im Bildwerk ' o ist Auferstehung, ist Himmelfahrt vor Aller Augen, christliche Apotheose; der christliche Künstler, mit neuer Einsicht begnadet und begabt, ist Künder des Reichs und des Mysteriums, Evangelist der Sichtbarkeit, auf daß der Christ sagen könne: ,,So also hat dein Antlitz ausgesehen!" Die Bilder sprechen: aber nicht nur in der Weltsprache des Heils, in der 482

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