Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
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sehen auf Erden wird so die Bahn eines Sterns am Himmel, von der wieder der Erdenweg bestrahlt wird; die christliche überweltwirklichkeit des Glaubens saugt die Weltwirklichkeit des Lebens in sich auf - sie macht sie zwar nicht zur Idee, aber zu ihrer besonderen Realität einer Gnadensubstanz. Der Mitmensch wandelt sich in den seligen, der Bruder Francesco in den heiligen Franziskus. Solche Wandlung kennt das Eine Volk nicht: es hat keine heilige Gemeinschaft über sich, der es den Mann seines Vertrauens ausliefern müßte. In seinem eigenen Ewigsein, in sich selbst und in seiner einen dauernden Wirklichkeit birgt und hält es ihn; denn um ihretwillen und mit ihr ist und bleibt er. Der Mann des Einen Volkes kann niemals die Art des christüchen Heiligen, des heidnischen Helden oder des Genius haben: denn die lösen sich, so tief sie auch in ihm wurzeln mögen, von dem Volksleib ab, der sich in ihrer reinen Gestalt am Himmel verklären soll. Der Mann aber, auf den das ew ige Volk sich verläßt, ist nur ihm eingetan und verläßt es nicht: denn eben dies\ olk, sein Volk, ist durch alle kommenden Geschlechter seine Verklärung. Er wird kein mystisch Ferner, sondern bleibt greifbar Nächster in des l rworts leibhaftigstem Sinn. Die Gestalt eines in aller Zeit ewigen Seins steht der Gestalt einer Ewigkeit jenseits der Zeitlichkeit gegenüber: ihrer beider Kronen leuchten in verschiedenem Licht . . . So werden denn auch die Aufbewahrungen von anderer Art. mögen selbst viele Legenden nicht zwar in dem Meinen der Berufung, aber in den Wurzeltiefen alles Menschlichen, aller Kreatur sich berühren : sie gehen einander fremde Wege und was dem Einen verboten bleibt, das muß dem Andern notwendig werden. Das den christlichen Völkern einmal sichtbar gewordene Menschzeichen darf nicht mehr unsichtbar werden, darf der Sterblichkeit der Dinge nicht verfallen. Aber w eil es hier um das im Fleisch gesehene, nicht um das wirklich gehörte Wort geht, kann es nicht so behalten werden, wie dem Einen Volk seine sprechenden, weiterlehrenden, weitergebenden Väter und Meister zu stets möglicher Zw iesprache gegenwärtig sind: sie, niemals Nachfolger, sondern Nachkommen. Schüler, nie Ebenbilder, wirken als Lebendige - eben im hörbaren ort der Lebendigen. Dem christlichen Volk muß sinnfällige Gestalt sich erhalten : auf den Altären der Kirche und an den \V änden geweihter Räume ersteht ihr Bild. Dem Ebenbild entspricht das Abbild, der Niederschrift der sprechenden Legende die Zeichnung der bildenden Kunst. Kunst, die Form aller For- 181