Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 114)
- Language
- German
- Belongs to
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den von Nazareth und damit die Erhöhung seiner irdischen Gestalt zum sakramentalen Menschen. Denn je länger die Augen der christlichen Gemeinde auf die Gestalt des Verklärten hinblicken, desto stärker wird der Lichtglanz, der aus ihr hervorbricht, desto mehr enthüllt sich ihr Göttliches. Der der evangelische Mensch gewesen ist, dessen ganzes Leben in hingebender Anbetung des Altarsakraments verlief und der niemals in ketzerischer Vergewaltigung an das Einungsgeheimnis gerührt hat, wird deutlich als die Fleischwerdung selbst gesichtet; er wird eine unter allen Heiligen der Kirche einmalige Erscheinung: die eines Menschen als sakramentalen Wesens. Denn wenn die sich wandelnde Speisung im Abendmahl dem Christen immer erneute Einung ist, in der Jesus als der Christus sich ihm gibt, so wird der heilige Franziskus, das Jesusebenbild, zur Kommunion zwischen Volk und Kirche, zu einer den Mythos in Fleisch und Blut umsetzenden Bindung; die Jesuspersönlichkeit schützt ja einzig gegen die Gnosis, gegen Verfremdung und Verflüchtigung durch den Geist. An dem in das höchste Gleichnis Enthobenen wird es in Menschengestalt wahr, daß „das Wort zum Element hinzutritt und es zum Sakrament macht", denn sein leibliches Leben ist den Gläubigen mit jenem Wort so bis ins Letzte vereinigt, daß die Wirkung des größten Heilsmittels von ihm ausgeht und daß dieses in ihm der Kirche und ihrem Volk dargereicht erscheint. Das dritte unter den Lebenselementen der Kirche - Kirchenrecht, Glaubenssatz, Sakrament -, der heiligende Akt, ist in der Form eines Personseins dieses eine Mal frei und für sich hingestellt und damit wird der metaphysische Sinn der Gestalt bezeichnet: das christliche Mysterium von Sünde und Erlösung ist auf einen Menschen herabgekommen: der Mystik des Menschen entspricht das Mvsterium der Gestalt. So steht Franziskus, weitab jetzt von seiner Erde, in Heiligkeit - nicht in der Schönheit, die der Lebende sieht, nicht in der Sittlichkeit, die der Gerechte übt, sondern in dem reinen und unbewegten Sein, vor dem alles das, was einstmals Tat und Leistung gewesen sein mag, verblaßt und in das Bedeutungslose der Zeitlichkeit zurücksinkt. Der Mann des christlichen Volkes ist der christlichen Ewigkeit anheimgegeben; indem seine Gestalt in den irdischen Raum des Gottesreichs in die Kirche, eingeht, entnimmt sie sich der Zeitlichkeit der Völker um jener Ewigkeit willen: nur von ihr her vermag er ihnen ja erst ganz das zu sein, was er sein soll - Zeichen der Gnade. Aus dem rechten Weg des Men- 480