Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
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ziskus, der auf seiner Erde und im Gewand und Gehaben seines eigenen schlichten Daseins so gewandelt ist, wie der Höchste, von dem die Heilsberichte melden: ihn hat ja sein Rufen gemeint. Ein Anachronismus wird begangen, der nur dem Christen notwendig sein kann und nur ihm möglich ist. Einer aus dem Volk ist in die heilige Ähnlichkeit gelangt: das Kreuz hat ihn angerührt und ist an ihm leibhaft geworden. Da findet das Volk mehr als eine Reliquie; die einzige, heiligste, die es doch nimmer erschauen kann, ist ihm hier greifbar ersetzt worden und keine tote Sache liegt, in kostbarsten Stoff gehüllt, in goldenem Schrein: sein eigener Sohn wird vor seinen Augen Ebenbild des Einen - das echte Jesusdasein ist ihm vorgestellt, ehe denn der Christus wiederkehrt. End nun verfolgt der gleiche Sinn für die Bilderwirklichkeit, der in Franziskus lebendig war, an der nahen und bekannten Gestalt jede Einzelheit, die dem fernen und entrückten Vorbild vergegenwärtigend entsprechen muß: der Blütengarten der volkstümlichsten Legende der Christenheit wird, überstrahlt von der mystischen Sonne des großen Wunders, zur Hegung für den christlichen Baum des Lebens. Wenn das Eine Volk sein Leben im Gesetz mit der Haggada durchflicht, auch in der kühnsten endung noch seiner \ erwirklichung die Treue wahrend, so umrankt die Ebenbildlegende des christlichen Volkes die Einzelgestalt seines Heiligen, ihr Dasein immer stärker in das Jenseits dessen hinübersteigernd, der ihm des Gesetzes Ende und Erfüllung bedeutet. Das Hauptmotiv dieser Legende, der Heiligsprechung durch das Volk, erklingt im ersten Satz der „Fioretti": ,,der ruhmreiche Herr, der heilige Franziskus, war in allen Taten seines Lebens Christus entsprechend"*; Bernardino von Siena erzählt von einem Visionär, der sieht, wie Franziskus wirklich Schritt für Schritt seine Füße in die Fußtapfen Christi setzt: dieses Bild ist kennzeichnend für die Besonderheit und Ausnahmeste llung der Franziskuslegende bis zu dem seltsamen Buch des Bartokmiäus Albizzi, der mit fast philologischer Akribie die Entspreehungen mehr als nur symbolisch ins Kleinste zeichnet und, in gewaltsamem Bemühen um die volle Ähnlichkeit im Bild des andern Jesus, dessen milde Duldsamkeit gegenüber den Reichen wegläßt. Von der Sequenz des «lichtenden Papstes, der Franziskus im kurialen Stil als einen „.legalus a latere Christi" preist, bis zu jenen Konformitäten, die die undt riatt-n und die Ca>sion umfassen, geht die Kunde von der Angleichung des Atannes von Assisi an 479