Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Geschichte ist dem Apostolat des Franziskus gefolgt: seinem Leben in ganzer Tatsächlichkeit, seinem Wirken im ganzen Umfang. Sie schließt mit dem Lebensende des Menschen ab oder berichtet weiter nur noch die Abwandlungen der von ihm ausgehenden Bewegung. In dieser Geschichte lebt er, wie seine Mit- und Nachlebenden. Aber gerade die Nachlebenden sehen im Licht des Göttlichen, von dem Jener sich unmittelbar erhellt wußte und das auch ihnen leuchtet, noch mehr: nicht nur das Eingesetztsein in die Tat, sondern das Berufensein dieser Person vor Gott. Und sie beschreiben Zug um Zug ihre Sicht, sie umdichten die Berufung, auf daß auch alle Künftigen von ihr, von ihm, also lesen sollen: sie schaffen die Legende. Legende, die das ganze Dasein einer Gestalt, ihr Leben und das Geheimnis einschließt, ergreift die Zone mit, aus der dieses Ganze entspringt und in die es mündet: sie ist die Art, wie der Glaube seine Geschichte schreibt. In Venen, die zum Herzen führen, strömt die Geschichte, in Arterien, die vom Herzen kommen, strömt die Legende: sie ist vom Atem des Glaubens reingeglühte Geschichte des Berufenen: sie meldet nicht nur ein Tun - sie sagt ein Wunder. Nie vermag der Lebende für seine Legende zu sorgen: täte er es, er wäre schlicht ein Lügner und Zerstörung würde zur Pflicht. Die, um deren Leben die echte Legende wächst, tun dafür nichts, sie schreiben keine Selbstbiographie; sie sind einfach da - und sind das Wesentliche: Zeichen. Die Legende bleibt, von der lebendigen Tradition getragen, immer wahre Quelle außer der mit diplomatischer Genauigkeit aktenmäßig feststellbaren Geschichte; sie fälscht sie nicht, sie gibt nur das ewig-Andere: Deutung der Zeichen. In einer großartigen Vereinigung von Historie und Legende schreibt die Kirche ihre heilige Geschichte: als Akten der Heiligen bewahrt sie, in das Tagverzeichnis ihres Jahres geordnet, die Lebensläufe der in ihr Gottesreich Eingebürgerten, legt auf ihren Weg durch die Zeitlichkeit gleichsam das Staatsarchiv dieses Reichs an und gibt ihm die Form, die der politischen Geschichte eignet, neben den Sammlungen ihrer Bullen und Beschlüsse. Was sich im Zeitraum des christlichen Heilslebens abspielt, erlebt das christliche Volk: aus seinem Bewußtsein fließt der Stoff der Legende. Das Volk legt aber sein Wissen nicht „ad acta", sondern webt und wirkt an ihm weiter, bis Umriß und Farbe sich klären und bis ganz sichtbar wird, was ihm Erfüllung seiner Sehnsucht war: denn es selber hat den Berufenen gerufen. Dem Wahrzeichen hingegeben, erzählt es von Fran- 478