Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823786--0485-2824556- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wie Jener, in der Mensch-Bruderschaft, sondern adoptiv durch die Pforte des Geistes in die Gottes-Sohnschaft eintritt, wird sie nicht: er steht jenseits des Ereignisses, er schreitet von ihm fort - vom Vollbrachten zur Glorie. Schmerzen und Wonnen werden in der Menschfolge gelitten und gelebt, in der Gottfolge sind sie gedacht und geschaut. Aus Jesusmystik ist in späteren Zeiten, weit entfernt von dem einen demütig-großen Beispiel und sich abschattend aus ihrer demokratischen und ethisierenden Art, eine kirchenbürgerliche Mystik der „Imitation" geworden. V on der demantenen Mauer des Geistes umhegt, verbleibt Christusmystik in ihrer aristokratischen Stille, aus der am Ende wieder die Blitze gewaltsamstolzer Gedanken, chiliastisch das Reich, vergottend den Menschen zu ergreifen, ketzerisch in die Welt der Kirche fahren. Zwei Jahre nach dem Empfang der Stigmen ist Franziskus gestorben: bis zu seiner letzten Stunde hat er das Wunder seines Leibes allen Blicken verhüllt und doch war er dem Volk offenbar, das ihn schon zu Lebzeiten ,,il santo44 nannte. Und abermals nach zwei Jahren hat ihn die Kirche durch den Mund seines Freundes Ugolino. des Papstes Gregor IX., heilig gesprochen; was dem Apostelfürsten in jener Fluchtnacht vor Rom geschah, das geschieht zum andernmal: Petrus schaut und erkennt - wie einst dem zögernden Papst der Stützer der Kirche im Traum erschienen ist, so erscheint jetzt dem Zweifelnden der Stigmatisierte. Dreißig Jahre später schreibt Papst Alexander IX. in einer Bulle von dem Wunderzeichen der Nägelmale, daß es „aus der Materie einer neuen Schöpfung angewachsen sei". So anerkennt und bestätigt die Kirche die Gestalt. ★ ★ * Den Sinn des Lebens umschließt und erschließt die Geschichte. Den Zeit- und Zeichengenossen erwächst aus Tun und Geschehen das Ereignis des Nachfolgers, an dem kein Zug nachgemachte Maske wird, der in allem rein und ganz er selbst, unwiederholt und unwiederholbar ist; das hat nun der leibliche Tod beendet. In den nachgeborenen Geschlechtern lebt die Erinnerung, die Rückschau auf ein in seiner Verklärung ruhendes Sein, die zur Aufschau wird: durch sie werden die Züge des Nachfolgers denen des ewigen Vorgängers entsprechend, in ihr wird der irdische evangelische Mensch zum heiligen Ebenbild geformt. Die Form wird Wesenskunde., die Lebensgeschichte wird Heilsbiographie: den Sinn der Gestalt umglänzt und erhellt die Legende. 477