Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 109)
- Language
- German
- Belongs to
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was Paulus fühlt: „Ich bin mit Christus ans Kreuz geheftet"; eben: es geschieht. Fern allem Spiel und doch als Abschluß heiligen Dramas tritt ein Ereignis ein, dessen Realität zwischen dem Er-innern der Seele und der Tätlichkeit des Vorfalls steht, wie der Namenszug unter einem Akt zwischen gründendem Vertrauen und tatsächlicher Erfüllung: sichtbar und gültig, besiegelndes Zeichen. Auf dem Verna-Berg, imCasentino, weilt Franziskus mit Bruder Leone; dort, wo er in der Einsamkeit des „rauhen Felsens zwischen Tiber und Arno" drei Feste seiner Kirche begeht, senkt sich das Kreuz auf ihn herab: dem „ganz in Jesus Gewandelten" wird La Verna ein anderes Golgatha. Wie einst das reale Kruzifix in San Damiano zu dem Sendboten fordernd gesprochen hat, so berührt jetzt das visionäre bewährend den Entschrittenen: am Leib des Franziskus erscheinen die fünf Wundenmale. Damit hört seine Gesandtschaft auf; dem Aussendenden selbst tritt er zur Seite. Der also zum Gleichnis Gewordene steht über dem bloß Beauftragten ~ und der Sinn seines Lebens wird offenbar: in ihm nennt sich das mit Namen, was Franziskus in Erfüllung seines Auftrags und wie er es getan hat. Es zeigt sich an, daß der Mensch in all' seinem Tun und Treiben selber diese Erfüllung gewesen ist; er hat den an ihn ergangenen Befehl ausgeführt, indem er das Leben dessen führte, der einzig ihn so geben konnte, daß dies möglich w^urde: mit seinem Weg-leitenden Leben selbst. Nachahmung des Jesuslebens ist die Art, wie der Christ sich auf seinen Heilsweg begibt: in den Fußtapfen des Mittlers, der da sagt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen" und: „Keiner kommt zum Vater, denn durch den Sohn", schreitet er zu Gott. Ein Lebenslauf also, der vom Göttlichen her belichtet ist, w^rd nachgeahmt; seit den ersten Zeiten des Christentums ist das geschehen - hier aber vollzieht es sich in einer stärksten Verdichtung, verwirklicht sich diese Tendenz mit noch nicht gesehener Plastik. Es geschieht etwas durch das Zurweltkommen dieses Geschöpfs, das der Not der christlichen Sichtbarkeit entspricht: weß das Eine Volk nie bedarf - denn es ist in der Folge seiner Geburten fortwährend sein eigener Nachfolger - das ereignet sich hier durch den einmal geborenen Sprößling eines christlichen Volkes; er lebt die Nachfolge dessen, der für die Christenheit als Einzelner an die Stelle des Einen Volkes getreten ist. Keineswegs macht Franziskus in irgendeinem Augenblick seines Lebens Züge der geschichtlichen Jesusperson nach, beschwört er mit der 475