Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 4
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 108)
- Language
- German
- Belongs to
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gnadenden und Verwerfenden, der am Tage des Zornes, „sitzend zur Rechten der Kraft, in den Wolken des Himmels kommt", er weiß ihn, glaubt ihn, beugt sich und erkennt an: aber leben - denn darleben, nicht vordenken ist sein Sinn und ZwTeck-kann er nicht den Christus, den himmlischverklärten, sondern immer nur die vom Bewußtsein des Endgültigen erfüllte irdische Menschperson, seinen Jesus. Mit dem auf Erden Wandelnden wandelt er; nicht dem Jenseitigen - dem Diesseitigen, dem im Fleisch Geschaffenen vermag er sich in brüderlicher Enge und Heimlichkeit zu verbinden: der Einzelne dem Einen, das Ich dem Du. Aus erstem Anruf und Sicherkennen führt der Weg dieses Zueinanderkommens durch die Werktage des offenkundigen Lebens hindurch zur Feierstunde vereinender Einsamkeit, in der der Schluß eines Leidensgangs miterlitten werden soll; denn das ist christlich-wahrstes Kenn-Zeichen, erfüllte Voraussage und letzte Wirklichkeit, daß sich auf einem Einzigen alles Leid der Kreatur zum absoluten, zum stellvertretenden Leid des Gottesknechts verdichtet, als etwas, das nicht vergessen und nicht zur bloßen frommen Sage werden darf. Es geht nicht um die Leiden und Schmerzen dieses oder jenes Einzelfalles, um das gewöhnliche und im Verklingen wieder vergeßbare Aufstöhnen irgendeiner oder jeder Stunde des Erdenlebens, sondern um das Leid an sich. Was von schweren körperlichen Schmerzen und peinvollem Siechtum im Leben des Franziskus sichtbar ist, aber wohl auch was sich in den Tiefen seiner Seele birgt, wird formend zum Gleichnis jenes heiligen Leidens; da er sich tiefer und tiefer in den Strom der Schmerzen hinabbeugt, wird sein Kreuz, das er auf sich nimmt, zum Kreuz des Einen, kommen Seelennatur und Geistgestalt ganz eng zusammen, erhält Innerstes letzte Gegenständlichkeit: dies Erleiden im Subjekt wird objektiver, gestaltprägender Wert. Schon eine Träne gilt zwar für Franziskus so viel wie ein Gebet; aber er verbleibt nicht bei dem weinenden Betrachten des Erlöserleidens, dem Gegenbild seines Erlösungsjubels - beides erst die Amtssymbole seines Lebens; das Dasein des evangelischen Menschen muß Passion sein: er lebt es als die heilige Qual, er ist in ihm dornengekrönt und gegeißelt. Sein Wille ballt sich zu einem einzigen Gebet um die Fülle des Leids, um die bittere Neige des Kelchs. Das erwünschte Martyrium des Heidenbekehrers wird ihm nicht zuteil, aber er wird ein Blutzeuge unerhört neuer Art. Es geschieht mehr, als was der alte Heilige Ephraim sagt : ..sein die Wunde, mein der Aufschrei", anderes auch, als 474