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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 4 · page 107

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 4
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 107)
Language
German
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fizierte Satzung seines Ordens; lateinisch liest er w eiter die Berichte seines Heils, lateinisch spricht er den Priestersegen, betet er sorgfältig das kirchliche Stundengebet. Die Christenmenschen draußen aber eint er im eltlich-Eigensten, indem er auf den Kern ihrer Seelen, auf ihre Sprache durchgreift. Mit dem Sonnengesang hat Franziskus nun auch den w irklichen Schlußchoral seines Apostolats angestimmt; von dem Tag. da er die Kapelle von San Damiano erneuert hat, bis zu der Stunde, in der er in dem kleinen Garten derselben Kirche den ersten italienischen Psalm sagt, währt seine Sendung: Bau und Lied sind die abgelöst-bleibenden Anfangs- und Endzeichen seines Lebens. Sein „Singet dem Herrn ein neues Lied** erklingt aber nicht nur am aufhörenden Ende, sondern am erreichten Ziel: es steht im christlich-endzeitlichen Sinn an der Stelle des noch verborgenen „Zehenten Liedes64, das nach der Meinung unserer Weisen am Ende aller Tage gesungen werden wird. „Gelobt sei, mein Herr, durch die, die in Deiner Liebe vergeben Und aushalten Schwachheit und Trübsal: Selig, die ausharren im Frieden, Denn von Dir, Höchster, werden sie gekrönt sein." „Gelobt sei, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod. Dem kein Lebendiger entkommen mag: Weh Denen, die in Todsünden sterben! Selig, die in Deinen heiligen Willen sich finden. Denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid tun . . .** Diese beiden Strophen hat der sterbende Franziskus nicht seinem biblischen Vorbild nachgeschaffen. Mit der ersten hat der sabbatliche Mensch noch einmal Frieden gestiftet: sie ist das echte „.Gelegenheitsgedicht'" seines Lebens; in der zweiten aber ertönt doch der Weheruf über die Todsündigen und der Freispruch der Reinen, der dereinst in DantesWeltenlied zur gewaltigen Fuge aufklingen solJ, aus dem Geist jenes Künders im fremden Lande, der der erste Apokalyptiker gewesen ist, und damit aus dem christlichen Geist des Endgerichts. Franziskus ist mit Leib und Seele in das Allerletzte eingetan; aber er ist es nicht so, daß er die scheidenden Blitze des höchsten Richters führte und der Donner des Urteils ist nicht der beherrschende Ton in der Stimme des Singenden. Sein Gang leitet nicht zu der metaphysischen Strenge des Be- 173

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